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Balkantour 2009 - Tag 12: Glavnik - Pirot

Von

Donnerstag 16.07.2009: Glavnik - Pirot
(Text: Neel Bechtinger; Fotos: Pascal Zingg, David Gubler, Neel Bechtinger)

Srbja, wir kommen!
Die Fahrt raus aus dem Kosovo ging heute früh mit einem Tag „Verspätung“ los. Für mich war sie gemütlich, da ich schlafend auf der Rückbank sass. ;) Schlafend weil die anderen schon um 7 los wollten. Dies war mir zwar recht, aber fahren wollte ich um diese Zeit noch nicht.
Wir lebten übrigens noch, die Nacht im Stundenhotel haben wir wider erwartend schadlos überstanden. Es war das allererste mal, wo ich den Stuhl unter die Türklinke gestellt habe. Klingt zwar extrem Kindisch, aber alleine in einem Zimmer gibt man ein leichteres Opfer ab als im Dreierzimmer.
Die 30min bis zur Grenze vergingen natürlich schnell. Am Zoll waren wir die einzigen, die ausreisen wollten. In der Gegenrichtung lief der Verkehr dagegen stockend. Die Ausreise aus dem Kosovo verlief dann ohne Probleme. Die Einreise nach Serbien, war da schon etwas komplizierter. Der Zöllner wollte in den Kofferraum sehen und motzte dann etwas rum, weil wir anscheinend zu weit vorne angehalten hatten. Es war das erwartete Machtspiel des serbischen Zöllners gegenüber den Gästen, die aus dem ungeliebten Land kamen. Abschliessend fragten wir uns, ob die Serben irgendwo vermerken, dass wir im Kosovo waren. Im Pass natürlich nicht, die Kosovaren sind „schlau“ und es gibt kein Stempel sondern nur ein Einleger welcher bei der Ausreise wieder aus dem Pass genommen wurde. Wir überlegten uns, ob die Serben unsere Passnummeren ev. in einer Datenbank eingaben.
Als wir die Grenze passiert hatten, fuhren über der extrem schlechte Hauptstrasse Nis entgegen, der grössten Stadt im Südosten von Serbien.
Dort fanden wir den Bahnhof auf anhieb, obwohl wir das eigentlich gar nicht primär wollten. Der Parkplatz vor dem Bahnhofsgebäude war voll, so wollten wir uns, wie andere auch, hinter den Parkplätzen an die Strasse stellen. Dem Anwesenden Polizist gefiel dies aber gar nicht und er schickte uns sogleich wieder weg: „Njet Parking!“ Wir suchten uns also einen Parkplatz etwas weiter weg, der aber genau so wenig markiert war. ;)
Ein Kursbuch gab es im Bahnhof leider keins, nur eine Kopie vom Internationalen Teil, dafür umsonst und besser als nichts war das Ding auf jeden Fall. Am Bahnhof war sonst nichts los, nur ein Wagen stand rum und einige Reisende schienen auf einen Zug zu warten ...
Mit kühlem Getränk im Gepäck ging es dann gleich weiter in Richtung Dimitrovgrad.
Die Strecke von Nis dahin ist im Europäischen Korridor X enthalten, aber noch nicht elektrifiziert, was natürlich von der Traktion her interessant ist. Zudem führt die Strecke durch das Tal der Nisava, was motivlich ebenfalls interessant ist. Landschaftlich toll, Traktion toll, Verkehr soll auch toll sein, also viele gute Gründe an die Strecke zu fahren.
Vom ersten Teil der Strecke bis Bela Palanka im ganz engen Teil des Tals, welcher auch Landschaftlich spektakulär ist, waren wir etwas enttäuscht. Fototechnisch geht gar nichts, das Gebüsch wächst immer bis direkt ans Lichtraumprofil, zudem ist die Strasse oft auf einer anderen Talseite als die Bahn. Möglich das irgendwo etwas geht, das sahen wir aber nicht direkt.
Wir fuhren an Bela Palanka vorbei und sahen da dann auch die ersten Stellen. Je weiter wir dann Richtung Dimitrovgrad kamen, desto besser wurde es. Vor Pirot holten wir dann per Zufall einen Güterzug ein.
Schnell war eine schöne Stelle gefunden und die erste Serben-GM war im Kasten.
JZ 661 der ZS zwischen Pirot und Bela Palanka
JZ 661 138 mit einem Güterzug nach Dimitrovgrad (- Bulgarien) vor Pirot.

Der Zug schlich dermassen das wir ihn nur 3km weiter hinten wieder eingeholt hatten. Stellen gab es da aber keine mehr, so dass wir erstmal Pirot ansteuerten.
Auf der Suche nach dem Bannhof, zwecks Besichtigung und Kursbuchkauf, bogen wir aber mehr als einmal falsch ab, so dass wir uns auf einmal auf der Ausfallstrasse rgt. Dimitrovgrad befanden. Aber ein BÜ war auf der breiten und geraden Strasse im waldigen und buschigen Garnichts in Sicht. Vielleicht geht da was? Also los auf den BÜ, mehr auf diesen als auf den Tacho achtend fuhr ich dann da hin ... und es kam wie es kommen musste! Hinter einem Baum sah ich auf einmal einen Blauen mit einem schwarzen Kasten am Auge stehen. Zeit zum reagieren war da nicht mehr, denn im nächsten Moment stand er raus und pfiff mich rein.
Da haben sie mich also erwischt, das erste mal in meiner Karriere. Mir war klar, dass ich zu schnell war, wie schnell wusste ich aber nicht, 70 vielleicht? Was ist erlaubt? 60, oder noch immer 50 weil Innerorts? Als der vor mir den Platz verliess kam ich dran. Passport, Fahrzeugausweis ect. ... Der junge und freundliche Polizist sprach (leider) gut Englisch und konnte mir alles erklären. Ich war also etwas zu schnell ;) ... im 50er, Kostenpunkt 3000 serbische Dinar. Also etwa 40 CHF. Ufffff ... im Busgeldkatalog der Schweiz wäre diese Übertretung aber sehr sehr Teuer geworden. ;) Als wir da standen ging der BÜ 50m vor unserer Nase zu, Pascal schlich sich davon, lief mit der Kamera da hin ... und schoss den Güterzug nett an der BÜ Szene.
JZ 661 der ZS zwischen Pirot und Dimitrovgrad
Jz 661 138 mit dem Güterzug nochmals am hinteren Orts-BÜ von Pirot.

Etwas verärgert über mich selber, fuhren wir nochmals durch die Stadt und fanden den Bahnhof am Stadtrand. Es ist erbärmlich, die Stadt ist nicht klein, der Bahnhof hat aber 4 Zugpaare und auch sonst erfüllte der Bahnhof unsere Erwartungen in keinster Weise. Das Gebäude war verfallen und die Bahnanlagen in einem kaum befahrbaren Zustand. Schade, aber nicht erstaunlich, politisch wird voll auf die Strasse gesetzt. Die Bahn wird vernachlässigt und die Fahrzeiten sind mit der Schnellstrasse überhaupt nicht konkurrenzfähig, so dürfte der Bus über die Strasse dürfte kaum die hälfte der Zeit des Zuges benötigen. Die Strasse von Dimitrovgrad nach Nis ist eine Rennstrecke, sehr breit, für alle Orte gibt es Umfahrungen und unter 80km/h kommt man eigentlich nie.
So schlecht die Strasse für die Bahn eigentlich ist, so gut kann man sie nutzen um die langsamen Züge zu verfolgen, was wir uns für die folgenden Züge auch zu Nutze machen wollten. Um die ganze Strecke gesehen zu haben fuhren wir nach der Bahnhofsbesichtigung weiter nach Dimitrovgrad, dem Grenzbahnhof zwischen Serbien und Bulgarien. Der Bahnhof liegt auf serbischem Staatsgebiet und bildet die Systemgrenze zur bulgarischen BDZ, die ab Dimitrovgrad elektrisch weiterfährt. Der Bahnhof selber war eine grosse Baustelle. Fotografieren liessen wir deshalb bleiben. Wir konzentrierten uns da lieber auf den ankommenden Schnellzug aus Istanbul. Das Licht ging auf dem Grossteil der Strecke (nach Westen) gerade so, auch wenn es zwei Stunden später wesentlich besser gepasst hätte. Um das erste mal in unserem Leben eine bulgarische Lok zu sehen, fuhren wir der Strecke entlang bis kurz vor die Grenze weiter. Es ging ein wenig was und wir verteilten uns auf drei Positionen zwischen Grenze und Bahnhof. Wir erwarteten den Zug also unter dem Draht und waren auf Bespannung und Komposition gespannt. Die drei durchfahrenen Länder versprechen ja einen bunten Zug. Pünktlich rollte dann eine gelb/blaue ASEA Lok mit zwei lausigen Wagen an. Der Zug bestand aus einem bulgarischen Liegewagen und einen serbienschen Sitzwagen, den Zugteil aus Istanbul suchten wir vergebens.


Baureihe 46.2 der BDŽ in Dimitrovgrad


Baureihe 46.2 der BDŽ in Dimitrovgrad
BDZ 46 219.2 mit B 490 aus Sofia / Istanbul an der Grenze, kurz vor und in Dimitrovgrad. Der Zug bastand aus nur zwei Wagen, der oder die aus Istanbul dürften wohl fehlen. Die Strecke ist bis nach Serbien hinein von den BDZ elektrifiziert.

Trotz seiner Kürze und des unpassenden Sonnenstandes verfolgten wir den Zug auch mit der serbienschen Bespannung. Es gelangen Fotos hinter Dimitrovgrad, hinter Pirot und zuletzt bei Bela Palanka auf der Strassenbrücke der Umfahrung.

JZ 661 der ZS zwischen Pirot und Dimitrovgrad
JZ 661 138 mit B 490 aus Sofia / Istanbul mit der Serbischen Lok kurz hinter Dimitrovgrad.

JZ 661 der ZS zwischen Pirot und Bela Palanka
JZ 661 138 mit B 490 aus Sofia / Istanbul kurz hinter Pirot, das Tal wird in diesem Abschnitt enger und die Reisegeschwindigkeit der Bahn nimmt extrem ab.

JZ 661 der ZS zwischen Niš und Bela Palanka
JZ 661 138 mit B 490 aus Sofia / Istanbul hinter dem Ort Bela Palanka, das letzte Foto vom Zug. Der Endbahnhof des Zuges ist Belgrad.

Dem Zug hatten wir im letzten Abschnitt fast 20min abgenommen, und so waren wir früh genug um nebst dem Zug nach Belgrad auch dessen Gegenzug nach Bulgarien und in die Türkei zu erwischen. Die beiden Züge sollten in Bela Palanka kreuzen, doch kam zuerst der Zug aus Bulgarien. Zum Glück liess unsere Stelle Fotos in beide Richtungen zu, so dass wir auch diesen Zug nochmals erlegen konnten. Mit rund 30min Verspätung rollte schliesslich der Gegenzug aus Nis heran. Ebenfalls zwei Wagen lang und mit einer 661 bespannt. Diesen Zug wollten wir eigentlich nicht verfolgen, aber bei Pirot hatten wir ihn wieder und stellten uns deshalb natürlich noch mal.
JZ 661 der ZS zwischen Niš und Bela Palanka
JZ 661 155 mit dem Gegenzug, B 491 von Belgrad nach Sofia / Istanbul kurz vor Bela Palanka.

JZ 661 der ZS zwischen Pirot und Dimitrovgrad
JZ 661 155 mit dem Gegenzug, B 491 von Belgrad nach Sofia / Istanbul hinter Pirot wieder von der Brücke der Umfahrungsstrasse.

Kurz vor bei Dimitrovgrad machten wir den Zug ein letztes Mal und wollten uns dann an die Strecke stellen und auf einen Güterzug in Richtung Nis warten, denn nebst der Lok vom P-Zug waren auch noch zwei Loks von Güterzügen an der Grenze, was uns erfreulich stimmte.
JZ 661 der ZS zwischen Pirot und Dimitrovgrad
Ein letztes mal JZ 661 155 mit B 491 kurz vor Dimitrovgrad. In dieser Station haben wir in den folgenden 2h während einem starken Sommergewitter Schutz gesucht.

Anstatt einem Zug kam aber eine riesige Gewitterfront. Da es in der Sonne bis zu dem Zeitpunkt extrem schwül war, kam der Regen genau richtig. Einzig unser Chevy war nicht froh über den Regen, denn wir wollten eigentlich nicht, dass er gewaschen wird ;) Schnell begann es zu regnen, wobei es immer weiter regnete und regnete … es wurde mal stärker, mal schwächer und dann wieder stärker. Über zwei Stunden standen warteten wir. Erst im Auto, dann in dem alten Gebäude direkt an der Bahn. Da es zwischen durch ziemlich schüttete hatten sich auch zwei Radfahrer bei diesem Gebäude in Sicherheit gebracht. Als Pascal aus dem Auto stieg fragte ihn dann einer der Radfahrer: „Bist du aus dem Kanton Thurgovia?“ (Unser Mietauto hatten ein Thurgauer Kennzeichen) Pascal kam mit den Radfahrern ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass es sich um zwei Tessiner auf dem Weg von Bellinzona nach Istanbul handelte.
Der Regen war noch nicht ganz vorbei, da kam die Sonne raus. Wie bestellt kam nach langer Zeit auch endlich ein Zug in unsere Richtung, im vollen Licht notabene.
JZ 661 der ZS zwischen Pirot und Dimitrovgrad
Nach dem Regen kommt die Sonne, und 661 155 mit einem Güterzug nach Westen kurz hinter Dimitrovgrad.

Wir setzten uns ins Auto und bei Pirot gelang ein weiteres Bild.
JZ 661 der ZS zwischen Pirot und Dimitrovgrad
661 155 mit dem Kistenzug aus Bulgarien kurz vor Pirot.

Weiter ging es in Richtung Bela Palanka, leider mit mässigem Erfolg. Am Bahnhof wo wir in der Früh den Güterzug erwischt hatten, standen wir nun bereits wieder im Dunkeln. Dank dem Formsignal konnten wir uns aber auch für ein Schlechtwetterbild begeistern.
JZ 661 der ZS zwischen Pirot und Bela Palanka
Und ein letztes mal 661 155 mit dem Güterzug an der Einfahrt in einen Kreuzungsbahnhof zwischen Pirot und Bela Palanka. Wie man sieht gibt es an der Strecke teilweise noch Formsignale die auch in Betrieb sind.

Trotz wechselhaftem Wetter sind wir nach diesem Bild noch weiter in Richtung Bela Palanka gefahren. An der Brücke beim Ortseingang kam sogar die Sonne raus. Da der Zug sich aber fast 30 Minuten Zeit liess, regnete es schon wieder, bis er endlich kam.
Nun konnten wir uns voll und ganz dem letzten Problem des Tages widmen: Der Übernachtung. Nach Nis wollten wir nicht, da wir am anderen Tag noch einmal an der Strecke nach Dimitrovgrad etwas machen wollten. Da wir in Bela Palanka kein Hotel vermuteten, bot es sich an in Pirot zu Übernachten. Wir fuhren als hoch nach Pirot und suchten uns ein Hotel. Als erstes fanden wir das Hotel Pirot am Hauptplatz. Von aussen machte der Bau aber einen sehr baufälligen Eindruck, etwas heruntergekommen. Es erinnerte mich an das Hotel Ormoz. Wir mochten also nicht da rein, und suchten weiter. Die weitere Suche blieb aber erfolglos, so dass wir doch das Hotel Pirot nehmen mussten. Leider war es drinnen, wie von draussen erwartet. Es hatte den Anschein, als wäre seit der Eröffnung zu Titos Zeiten nie mehr etwas an dem Haus gemacht worden. Beim Blick ins Klo störten wir promt unsere kriechenden Mitbewohner beim freudigen umher krabbeln. Freund Kakerlaken, Silberfisch und Ameise schienen so beschäftigt, dass sie uns gar nicht erst beachteten.
Das Zimmer mit drei Betten war klein, stickig, und mit fast 7000 Dinar nicht mal besonders günstig. Dass die Duschwanne leckte verstand sich von selbst. Verbittert mussten wir feststellen, dass wir in diesem Land unsere Ansprüche an die Hotels wohl etwas herunterschrauben müssen.
Um noch etwas in den Magen zu bekommen ging es dann in die Innenstadt. Immerhin begann die gleich hinter dem Hotel. Wir beschafften uns noch etwas Bargeld. Mit dem bezogenen Geld wollte ich sogleich Daivd „meine“ Busse zurück zahlen (bei uns gilt, wer fährt bezahlt). Schliesslich suchten wir uns ein nettes Lokal, wo wir etwas essen konnten. Es gab: Chevabcicifür 50 Dinar, Pommes für 40 Dinar gab es, dazu leckeres Bier und zum Abschluss noch zwei Kugel eis für 10 Dinar. 10 Dinar sind gerade mal 15 Rappen, also sehr günstig. Zurück im Hotel genossen wir dann die Musik, die ein Alleinunterhalter im Biergarten von sich gab und schwitzten uns zu Tode.
Der erste Tag Serbien war also gar nicht schlecht, die Strecke besser als zuerst gedacht und auch der Verkehr war nicht übel. Aber um zu räumen brauch man ja nicht viele Züge ;).

Tag 13: Pirot - Nis
Tag 11: Fushë Kosovë - Glavnik