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Hoş Türkiye - Türkeittour 2011 - Teil 3

Von

Mittwoch, 10.08.2011

Mit etwas verquollenen Augen wache ich an diesem Tag auf. Die Nacht war wieder durch Ramadan und Muezzin etwas kurz und unruhig. Aber was solls, man hat ja Urlaub! Während ich mich ins Bad und unter die Dusche schleppe, liegen die beiden anderen noch in den Betten und kämpfen um die letzten Minuten Schlaf. Heute geht es etwas früher raus, Pascal hat dafür votiert, denn wir hätten ja eine Strecke zu fahren und er möchte lange genug an der E-Piste Zeit haben. Daher fällt auch das Frühstück aus *schnief* , was ich am Abend vorher nach intensiven Meinungsaustausch akzeptiert habe.
Pascal und ich verlassen das Hotel und entern das Auto. Nil muss derweil noch dringenden Geschäften nachgehen. Ihn hat das Schicksal ereilt, welches uns in den nächsten Tagen auch noch blühen sollte. Vorerst ist er aber abgelenkt, hat doch er heute Fahrdienst. Zügig geht es wieder durch die noch weitestgehend leeren Straßen. Wir durchfahren das Tal hinter Sivas und sehen bei Kovalı wieder eine alleinfahrende Lok. Im Gegensatz zu gestern ist es diesmal eine DE33. Aber wir haben ja „Dieselverbot“, soll es doch schnell zu den Elloks gehen. Bei Yukanada überholen wir die Maschine, die zwischen den Güterzügen des Abzweigbahnhofs verschwindet. Siehe da, hier stehen ja auch noch die blauen Güterwagen des Zuges, den wir gestern verfolgt haben. So kann man Güterverkehr auch beschleunigen, indem man Züge ewig auf irgendwelchen Zwischenbahnhöfen abgestellt stehen lässt.
Weiter der Strecke entlang geht es nach Ulas. Was ist das? Gerade als wir uns dem Ort nähern zieht eine DE33 rauchend einen Güterzug aus dem Ausweichgleis! Aha, wo jemand ausweicht, muss jemand entgegengekommen sein. Kaum ausgesprochen sehen wir auch schon den Zugschluss eines Ekspresi. Moooment! Wir haben aus unserem Fehler von gestern mit dem Van Gölü gelernt. Planmäßig dürfte hier nun wirklich nichts unterwegs sein. Ist es auch nicht, denn es ist der verspätete Dogu-Ekspresi, der schon vor mehr als zwei Stunden hier durch sein hätte müssen!
Er hat es aber anscheinend nicht eilig, zockelt gemütlich durch die Landschaft und so haben wir ihn kurz darauf bereits überholt. Unsere ehernen Grundsätze brechend stellen wir uns zwischen Ulas und Tecer auf den Rand eines kleinen Einschnitts.


Der Dogu-Ekpressi hinter Ulas, "getelt" durch Nil.

Langsam schleicht der Dogu heran und dann kurz vor uns, ein Röhren und Heulen, eine Abgaswolke quilt aus den Schornsteinen! Der Meister hat uns entdeckt und eine „Scheinanfahrt“ vom Feinsten hergelegt. Denn als uns der Zug hupend mit winkender Mannschaft passiert, hat er längst wieder zurück geschaltet und rollt gemächlich weiter. Na das nennt man ja mal Service!!!


Bild 8899 nicht gefunden
„Scheinanfahrt mit GM“ – extra für uns drehte der Meister seine DE22 034 richtig auf

Ist das ein Start in den Tag! Verkehr satt. Und das schon am frühen Morgen. Da sind wir mal auf den Tag an der E-Strecke gespannt. Wir fahren weiter, begleiten den Dogu noch ein Stück bevor er nach links nach Tecer und ins Tal Richtung Rampe abbiegt. Erst in Centinkaya werden wir wieder mit derStrecke zusammentreffen. Bis dahin geht es für uns über Land durch die türkische Provinz.
Nach knapp einer Stunde ist Centinkaya erreicht. Schon von Weiten ist die Fahrleitung zu sehen. Und es sieht nach Betrieb aus, denn der Bahnhof steht voll und eine DE33 rangiert. Wir wollen gerade zum Bahnhof schauen, da gehen die Schranken runter. Kurzer Rundumblick….aus Richtung Malatya nähert sich ein Containerzug. Vorne und hinten mit einer DE24 bespannt. Während von hinten ein LKW hupend und aufblendend heranfährt steige ich aus. Nil fährt den Wagen von der Straße, der LKW hupt weiter. Er meint auch nicht uns, sondern den vor uns. Der steht schließlich vor den geschlossenen Halbschranken und fährt einfach nicht weiter, dabei ist der Zug doch noch mindestens 200 m weit weg! Unglaublich so etwas!
Pascal und Nil bleiben im Auto, denn ein Nachschuss auf die Schublok mitten in der Bahnhofseinfahrt kann sie nicht so recht reizen. Ich glaube, sie haben es im weiteren Tagesverlauf doch etwas bereut. Ich nehme das Foto mit und habe somit schon zwei im Kasten. Gar nicht so schlecht für den Tag, ihr werdet sehen.

DE 24 342 der TCDD in Çetinkaya

DE24 342 schiebt den von einer Schwestermaschine gezogenen Containerzug in den Bahnhof von Cetinkaya nach.

Da der Bahnhof nichts weiter bietet, erkunden wir kurz die Streckenführung und fahren weiter. Die Strecke aus Richtung Malatya verzweigt sich direkt vor Cetinkaya und fädelt sowohl in den Bahnhof, als auch in die Strecke Richtung Divrigi ein, sodass ein Gleisdreieck entsteht. Nach einem kurzen Betriebshalt für Nil an der Strecke nach Divrigi, bei dem uns prompt eine DE33 mit leeren Erzwagen passiert, leider unfotografierbar, fahren wir über Land nach Süden Richtung Malatya-Strecke. Da es von Cetinkaya aus keine Straße entlang der Strecke gibt, entscheiden wir uns für eine fein in der Karte eingezeichnete Route die die Strecke nach einiger Zeit kreuzen soll. Diese entpuppt sich als teils wüste Schotterpiste und Nil schleicht dementsprechend durch die Botanik. Kein Haus, kein Schild, keine Fahrzeuge, keine Landmarken und eigentlich auch kein richtiger Weg mehr......das kann ja heiter werden. Doch wir schaffen es tatsächlich nicht verloren zu gehen und erreichen nach gut 40 km Geholper wieder die Strecke. Nur ein Hindernis gilt es jetzt noch zu überwinden: Wasser!

Akçaşehir

Schotterpiste mit eingebauter Unterbodenwäsche

Ein Bachlauf kreuzt unseren Weg. Gottlob hält sich der Wasserstand in Grenzen, sodaß wir selbst mit unserem Fiat nichts zu befürchten haben. Dafür ist unser Auto wenigstens schön sauber als wir den nächsten Ort erreichen. Da es dort keine vernünftige Stelle gibt, fahren wir etwas der Strecke entlang. Wir wollen unser Glück an einer anderen Schotterpiste, die weiter hinten abzweigt und der Bahn folgt, versuchen. Das ist aber garnicht so einfach wie es sich anhört. Sowohl die papierene als auch die elektronische Kartenlage ist unklar und das Navi schweigt sich mal wieder aus. Also verfahren wir nach dem Verfahren "try and error"! Doch zuerst überwiegt error. Wir haben drei Abzweigungen zur Auswahl von denen uns keine richtig erschein und merken nach 200 m und einer Brücke das wir zurück müssen. Neuer Anlauf! Wieder sind wir uns nicht ganz klar und vollführen somit das Monöver drei mal. Sicherlich lustig oder vielleicht auch verwirrend für die Anwohner des Hauses, welches an der Straße liegt und das wir auf diese Art und Weise sechsmal bewundern dürfen. Dann ist es auch schon geschafft und wir finden die richtige Abzweigung und gehen an einem Bahnübergang in Stellung. Und nun nimmt das Drama seinen Lauf.
Kurz nach 10 Uhr haben wir eine passable Fotostelle gefunden und uns bei schon wieder über 30° Celsius ohne Schatten in Position gestellt. Fehlt nur noch ein Zug! Tja, und das war das Problem. Die nächste Stunde tat sich nichts! Und während das Licht langsam in die Achse wanderte, tat sich sich die darauffolgende Stunde immer noch nichts.

Akçaşehir


Etwas genervt verschoben wir uns um zwei Kilometer an einen Bahnübergang. Hier passte das Licht wenigsten für eine Richtung und das Häuschen mit der Elektrik bot zumindest Einem etwas Schatten. Die beiden anderen schmorten. Und wofür? Für nichts! Denn auch die nächsten 2 Stunden war keinerlei Bewegung auf der Schiene. Der Grad der einsetzenden Zerrüttung, oder wars doch nur die Langeweile, zeigt sich daran, dass drei erwachsene Männer mitten in der Türkei bei 40° Grad anfingen "Stadt - Land - Fluß" zu spielen. Zusatzspaß: Mit Abkürzungen von Bahngesellschaften! Wie soll man da gegen zwei Schweizer mit ihren gefühlten Bahngesellschaften, wie die "Oberwalder-Unterberger-Bahn" oder so ähnlich, gewinnen. Irgendwie schaffte ich es trotzdem. Doch auch dieser Triumph konnte mich nur kurz beleben. Langsam nervte der NICHTverkehr gewaltig. Aber sollten wir gerade jetzt fahren? Nach 4 Stunden sollte doch langsam etwas rollen!?!? Oder nicht?!?!
Nach endlosen Diskussionen entschieden wir entlang der Strecke nach anderen Stellen zu suchen. War gar nicht so einfach, denn entweder war Schotterstrecke angesagt oder wir fuhren mitten durch eine Straßenbaustelle. Und die können in der Türkei ganz speziell sein!

Da auf der neben uns laufenden Strecke immer noch nichts los ist, kann ich es ja in aller Ruhe beschreiben.

Also: Man nehme viele LKW mit groben Splitt oder kleinerem Schotter, wie man es sehen will. Kippe diesem über Kilometer ungefähr einen halben Meter hoch halbseitig auf die Straße. Das ganze lasse man einige Tag ruhen. Anschließend fahre man mit einem Planierer den Haufen entlang und verteile sie so über die Straße. Gleich hinterher fährt man mit einem Tankwagen der flüssiges Bitumen auf den Schotter sprüht, gefolgt von zwei Walzen die das ganze notdürftig verdichten und glätten, sowie von einem Wasserwagen, der mittels Sprühstrahlen versucht die neue Lage zu kühlen. Alles natürlich ohne dass man die Straße derweil für den Verkehr sperrt. Einfach krass!

Wir hatten nach abenteuerlicher Fahrt und mit etwas stärker geteertem Unterboden endlich die Hauptstraße erreicht und folgten der Bahnlinie. Es hat hier ordentliche Steigungen und die Bahn windet sich in vielen Kurven den Paß hoch und wieder herunter. Wir folgten der Linie bis in die Höhe der Ortschaft Yesilkale. Dort stellten wir uns an einer Zweirichtungsstelle auf und hofften, dass sich nun langsam etwas bewegt. Doch vergebens! Außer dass die Hitze immer unerträglicher wurde, tat sich gar nichts. Na gut, stimmt nicht ganz. Unser Frustrationspegel stieg von Minute zu Minute.


Nicht mal das Korn wollte sich an diesem Tag bewegen. Impression neben der Bahnstrecke eingefangen von Nil.

Und dann endlich, nach sage und schreibe 7, in Worten s i e b e n , Stunden an der Strecke ließ sich oben am Hang ein Zug sehen. Sollten wir enttäuscht sein, dass es „nur“ eine DE33 war, die mit einem Erzzug talwärts fuhr? Nein, wir waren froh, dass wenigstens etwas kam.


Nil schoss den Zug einige 100 m weiter oberhalb unseres Standorts.

DE 33 035 der TCDD in Yesilkale

DE33 035 rollt bei Yesilkale mit einem Erzzug flott bergab Richtung Malatya.

Den wollten wir aber nochmal erwischen. Also ab ins Auto und an die Verfolgung gemacht. Leichter gesagt als getan. Der Erzzug legte ein ordentliches Tempo vor und die Strecke drehte nur einmal ins Licht. Und diese Stelle war verwachsen. Na gut, dann zurück, denn es müsste ja noch ein Ekspresi folgen. In einer Ortschaft kauften wir gekühlte Getränke und aufgeweichte Schokoriegel und machten uns auf die Suche nach einer Ekspresi-Stelle. Nach mehreren Anläufen landeten wir wieder am selben Platz wie vorhin.

Aber entweder hatte der Ekspresi mächtig Verspätung oder wir hatten ihn bei der erfolglosen Verfolgung des Erzzuges überfahren. Als die Sonne hinter dem Berg verschwunden war machten wir uns leicht frustriert auf die Heimfahrt nach Sivas.

Der Blick auf die langsam in der Dunkelheit verschwindende Landschaft, das geschäftige Leben in den Dörfern und den Zeltsiedlungen der Tagelöhner und Zigeuner am Straßenrand, die mit Scheinwerfern arbeitenden Mähdrescher auf den Feldern, entschädigte für die Mühsal und die Enttäuschungen des Tages!

Doch die Fragen blieben: Warum elektrifiziert man eine Strecke auf der innerhalb von 8 Stunden kein Zug rollt? Und die einzigen die wir gesehen haben fuhren mit Diesel? Und woher kamen gestern die ganzen Güterzüge, die wir rund um Tecer fotografiert haben?

Es blieb und bleibt ein Rätsel! Die wahrscheinlichste Erklärung schien eine Streckensperre.

In Sivas angekommen verzog sich Nil ins Bett, während Pascal und ich noch eine Kleinigkeit essen gingen.

Jetzt sitzen wir im Zimmer. Nils Symptome greifen langsam auf uns anderen über. Morgen wollen wir Sivas verlassen und über Divrigi zur Euphratschlucht fahren. Vorher geht’s aber nochmal an die Dieselrampe beim Bahnhof Eskiköy. Hier wollen wir den morgendlichen Yolcu abpassen. Außerdem spekulieren wir darauf, dass der Dogu wieder Verspätung hat. Wäre doch ein toller Start.

Mit dieser Vorfreude schlafe ich ein, denn schlimmer wie heute kann es ja doch nicht mehr kommen!