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Chile 2012 - Tag 9: Calama - Ollagüe

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28.4.2012: Calama - Ollagüe
Der heutige Tag begann mit schlechten Neuigkeiten: Angeblich gäbe es Streik (Minen-Arbeiter wollten Geld für ihre 1. Mai-Feier, wurde uns gesagt), und deshalb würden auf der Strecke nach Ollagüe keine Züge verkehren. Nach der Informations-Pleite mit der SQM in Tocopilla, wo wir bereits festgestellt hatten, dass die Infos nicht immer etwas mit der Realität zu tun hatten, waren wir aber nicht so sicher, dass das keine Ente war. Und selbst wenn, so wurde uns doch immerhin spektakuläre Landschaft versprochen, das ist doch auch was. Zudem sollte aus der Gegenrichtung ein Zug nach Calama fahren, diesen konnten wir ja noch fotografieren.

So fuhren wir erst mal aus Calama raus in Richtung Sierra Gorda. Nach rund 50 Kilometern trafen wir tatsächlich auf einen entgegenkommenden Zug, und verfolgten diesen zurück bis Calama.

EMD GR12UD der FCAB zwischen Sierra Gorda und Cerritos Bayos
EMD GR12UD 1408, Clyde G22 1434 und EMD GR12U 1402 ziehen einen Säure-Kesselwagen-Zug in Richtung Calama. Rechts im Hintergrund die Abraumhalde einer Mine

EMD GR12UD der FCAB zwischen Sierra Gorda und Cerritos Bayos
Ein paar Kilometer weiter, bei einem LKW-Parkplatz, war diese Dose zu finden

EMD GR12UD der FCAB in Cerritos Bayos
Estacion Cerritos Bayos

EMD GR12UD der FCAB zwischen Calama und Cerritos Bayos
Noch ein paar Kilometer weiter

EMD GR12UD der FCAB in Calama
Unser Dreierpärchen überquert in Calama den Río Loa, den längsten Fluss Chiles

Anschliessend machten wir uns auf den Weg in Richtung Ollagüe. Wir kamen aber nicht weit, da wurden wir bereits von der Polizei aufgehalten. Erst dachten wir an Geschwindigkeitsüberschreitung; wie sich später herausstellte, wollten sie aber nur prüfen, dass wir keine geklauten Autos nach Bolivien ausführen.

Wir fuhren langsam in Richtung Berge, die ersten (aktiven!) Vulkane tauchten am Horizont auf. Es gab einen kurzen Mittagshalt in Chiu Chiu, den ich jedoch verschlief, weil ich etwas müde war (möglicherweise auch in Kombination mit der Höhe). Nach dem Mittagshalt wurde die Strasse rasch schlechter, auf Asphalt folgte eine mehr oder weniger befestigte Schotterpiste. Das Panorama wurde zusehends spektakulärer, wir wurden immer mehr umzingelt von Vulkanen.

Zwischen Chiu Chiu und San Pedro
Das Panorama wurde immer besser, die Vulkane kamen immer näher

San Pedro
Bei San Pedro befindet sich das weit und breit einzige natürliche Hindernis, das die Strasse überwinden muss: Ein Rinnsal, das aber doch einen netten Canyon geschaffen hat

Zwischen San Pedro und Ascotan
Interessanterweise gibt es hier sowas wie Vegetation

Zwischen San Pedro und Ascotan
Einer der aktiven Vulkane - Man beachte den aufsteigenden Dampf

Zwischen San Pedro und Ascotan
Die Strasse war streckenweise in sehr gutem Zustand, wenn auch nur so semi-befestigt

Die Strasse stieg unmerklich, aber stetig an, ehe wir den Scheitelpunkt (mit Bahnhof) auf knapp 4000 Metern über Meer (oder, wenn man dem GPS in meinem Handy glauben will, knapp über 4000 Metern) erreichten, wo es natürlich einen Fotohalt gab. Auch hier trafen wir wieder auf einen besetzten Kontrollposten (mit Schranke!) der Polizei, welcher wohl nach gestohlenen Autos ausschau halten sollte, sich aber mehr für sein Fernsehprogramm interessierte als für uns.

Ascotan
Ein Lokomobil verkündet die Scheitelhöhe der Strasse

FCAB in Ascotan
Für wen steht wohl das Bahnhofsschild noch? Für Fahrgäste der Eisenbahn jedenfalls nicht

Güterwagen der FCAB in Ascotan
Das Areal war, irgenwie kennen wir das ja, eher Schrottplatz als was anderes. Dafür hatte es neue fancy solarbetriebene LED-Lampen

Hinter dem Pass staunten wir nicht schlecht, als wir eingezäunte Minenfelder vorfanden, wohl um den Pass vor einer Invasion durch Bolivien zu schützen (ursprünglich hatte Bolivien einen Meereszugang, was zu Streitigkeiten mit Chile führte, welche im Salpeterkrieg gipfelten; seither gehört das Gebiet Chile. Auch die Eisenbahn ist als eine Art Ausgleich für den verlorenen Meereszugang für Bolivien zu sehen).

Salar de Ascotan
Blick über den ersten Salzsee, den Salar de Ascotan

Die Fahrt ging weiter über den ersten Salzsee. Kurioserweise fanden wir da einen abgestellten LKW vor, welcher irgendwie den Anschein machte als stünde er schon länger da. Ausserdem wurde da fleissig gebaut; anscheinend senken die Minen durch ihren Wasserverbrauch den Seespiegel, was eine Neutrassierung durch den See erlaubt.

Kurz hinter dem verlassenen LKW kam uns eines unserer eigenen Fahrzeuge, einer der Nissan-Pick-Ups, entgegen (wir hatten uns inzwischen etwas verzettelt). Ich dachte als erstes daran, dass sie wohl einen Zug gesehen hätten, dem war aber nicht so - Sie hatten einen Koffer verloren!

Bald war der Rest der Gruppe ebenfalls angekommen, und die wilden Diskussionen und Spekulationen konnten beginnen. "Der kann doch nicht einfach so runter fallen!", "Wurde sicher geklaut!", "Ist vielleicht auf einem anderen Auto?". Ich persönlich war Anhänger der Theore, dass der Koffer bei einem unserer letzten Halte in Chiu Chiu oder zuvor in Calama geklaut wurde, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass der Koffer einfach so von der Ladefläche fallen kann. Was nun? Zurück nach Calama und den Koffer suchen? Weiter nach Ollagüe?

Während unsere Reiseleitung am hyperventilieren war, tauchte am Hang plötzlich ein Zug auf! Soviel zum Thema Streik. Immerhin waren die Diskussionen über den Koffer nun augenblicklich beendet, und die ganze Truppe fuhr zurück zum Pass, um sich dort für den Zug aufzustellen.

EMD/Clyde GL26C-2 der FCAB zwischen Ascotan und Salar de Ascotan
Clyde GL26C-2 2004 und EMD GR12 2404 mit ein paar Boxcars unterwegs in Richtung Calama. Im Hintergrund der Salar de Ascotan

Nun wollten wir eigentlich den Zug weiter verfolgen (als netten Nebeneffekt würden wir nach dem Koffer ausschau halten), bereits am Polizeihäuschen wurden wir aber aufgehalten - Und waren ziemlich baff, dass da ein Chilene unseren verlorenen Koffer abgegeben hatte, und dieser so wieder an uns zurück kam! Ich sag nie wieder was von wegen Chilenen und Diebstahl...

Nun waren wir alle doppelt erleichtert, da keiner ohne seine persönlichen Sachen auskommen musste und offenbar doch Züge fuhren. Der weiteren Verfolgung stand nun nichts im Wege, und wir sollten auch noch einige Zeit Licht haben.

EMD/Clyde GL26C-2 der FCAB zwischen San Pedro und Ascotan
Auf Seite Calama des Passes rollt unser Pärchen talwärts. Im Hintergrund der Vulkan "Ascotan"

EMD/Clyde GL26C-2 der FCAB zwischen San Pedro und Ascotan
Genau ein solches Motiv habe ich mir gewünscht! Erneut Vulkan "Ascotan" im Hintergrund

Danach ging die Strecke teilweise sehr weit von der Strasse weg, traf aber nachher wieder mit dieser zusammen. Das bedeutete für uns insbesondere, dass wir relativ lange warten mussten, bis der Zug wieder bei uns war.

EMD/Clyde GL26C-2 der FCAB zwischen San Pedro und Ascotan
Weiter gegen San Pedro treffen Strasse und Eisenbahn wieder zusammen

EMD/Clyde GL26C-2 der FCAB zwischen San Pedro und Ascotan
Ein wenig weiter gabs diese Variante mit Vulkan im Hintergrund

Das letzte Bild entstand bei San Pedro, mit dem Vulkan "San Pedro" im Hintergrund. Dieser ist über 6100 Meter hoch!

EMD/Clyde GL26C-2 der FCAB in San Pedro
Unser Pärchen bei San Pedro

Jetzt war aber der Sonnenstand so tief, dass sich eine weitere Verfolgung kaum mehr lohnen würde; zudem wurde die Landschaft immer flacher, und die Eisenbahn entfernte sich auch bald von der Strasse. Wir nahmen daher das Stück nach Ollagüe, erneut, in Angriff. Es dunkelte rasch, und ab Ascotan, der Passhöhe, war es quasi dunkel. Die Fahrt war zwar nicht langsam (um 80 km/h liegen auf den Schotterpisten auch nachts drin), aber erforderte extreme Konzentration, denn die Strasse war teilweise ziemlich flott befahrbar, ging aber spätestens nach 2-3 km wieder völlig unvermittelt in sandige Bereiche mit heftigen Bodenwellen und Löchern über. Das Scheinwerferlicht reichte nicht aus, diese Bereiche rechtzeitig zu erkennen, denn sobald eine Bodenwelle o.ä. kam, war der Bereich dahinter einfach nur stockfinster (da die Scheinwerfer zu tief montiert sind), und als Fahrer hatte man keine Ahnung, was dahinter folgte. Zudem mussten wir im Abstand von 1-2 Kilometern fahren, um nicht in der Staubfahne des Vordermannes zu stecken. Trotzdem erblickten wir irgendwann mal ein paar Lichter, was wohl Ollagüe sein musste. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, ob der Ort 300 oder 3000 Einwohner haben soll, aber als ich so die Lichter sah, dachte ich eher an 30... (gemäss Wikipedia sinds im Ort gut 200, in der ganzen Gemeinde, also zusammen mit Ascotan, gut 300).

Die nächste Hürde bestand dann darin, im quasi komplett dunklen Ort die Unterkunft zu finden, was aber dank unserer ortskundigen Reiseleitung gut gelang. Untergebracht wurden wir primär in zwei Unterkünften (wobei die Reiseleitung nochmal in einer anderen Unterkunft schlief, ich weiss aber nicht wo). Die Hauptpension war das Hostel "Atahualpa", welches einen erstaunlich vernünftigen Eindruck machte; die Zimmer waren in gutem Zustand, deutlich besser als in Tocopilla. Ein Teil der Gruppe, darunter auch ich, war aber in der Nebenpension untergebracht (deren Name ich nicht mehr weiss). Diese war von Standard her schon eher das, was ich hier erwartet hatte - ziemlich unterirdisch, insb. deutlich schlechter als Tocopilla. Echt störend war auch ein starker Dieselgeruch, der sich auch später nicht verzog; woher dieser kam, haben wir nicht herausgefunden. Die Bilder der Unterkunft folgen im übernächsten Teil.

Das Nachtessen gab es nun aber in der Hauptpension. Die Vorspeise war eine Buillon-Suppe mit Fleisch und Teigwaren (oder sowas ähnlichem) drin, welche sehr gut war. Anschliessend gabs Fleisch, Tomate und mit Käse überbackene Kartoffeln (eine Art Gratin), das war leider wieder eher chilenisch (insb. die Zubereitung des Fleisches und der Käse). Aber ja, man wurde satt :)

Beim Abendessen wurde auch angekündigt, dass es eine Stromsperre zwischen morgens um 1 bis 9 oder so gäbe. Wie wir später herausfanden, liegt das daran, dass der Ort über einen Dieselgenerator mit Strom versorgt wird, und der muss dann natürlich nicht umbedingt laufen.

Anschliessend ging es dann noch unter die Dusche, welche, zu meinem Erstaunen, tatsächlich warmes Wasser bieten konnte (Nebenbemerkung: Das Wasser wird in einem Elektroboiler erhitzt. Sprich, faktisch wird da mittels Diesel Wasser erhitzt, aber dank dem Umweg über den Dieselgenerator nur mit einem Wirkungsgrad von rund 30% statt nahezu 100%, wenn man den Diesel mit einem Ölbrenner verfeuren und zum Wasser heizen einsetzen würde... Aber irgendwie passt das: Hier gibts auch wohl mehr als 360 Sonnentage im Jahr, aber der Strom wird per Diesel produziert statt mit einer Solaranlage. Wir stellen fest: Es gibt hier noch Optimierungspotential). Das Duschen wurde allerdings dadurch erschwert, dass es im Bad kein Licht hatte und der Duschvorhang viel zu lang war...

Schliesslich gings ins Bett, eingehüllt in 4 Wolldecken, die Nacht hier auf 3700 Metern über Meer könnte kalt werden.