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Frühling im Baltikum - Teil 5

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Tag 6: 04.05.2012 Daugavpils – Daugavpils


Wäre es nicht mal schön, wenn Pink sich abends mit mir in die Kissen kuscheln würde? Sicher! Doch sie denkt nicht im Geringsten daran. Im Gegenteil! Jeden Morgen schmeißt sie mich mit einer immerwährenden Penetranz aus den Federn. So auch heute!

Während ich den Wecker meines Handys ausdrücke öffnen sich langsam die Augen. Und, jepp, die Sonne scheint durch die geschlossenen Vorhänge. Hatten die Schweizer Wetterfrösche, die wir gestern zu Rate gezogen hatten, wieder mal Recht. Am Vormittag schön, dann, im Laufe des Nachmittags sollten von Süden her Wolken einer Schlechtwetterfront aufziehen. Passt gut zu unseren Planungen, wollen wir doch den Vormittag nochmal Weißrussen-Diesel auf der Strecke nach Indra machen und uns danach in Richtung Rezekne verkrümeln. Pascal will noch lettische Doppeltrommeln fotografieren und ich hoffe, dass wir irgendwie an der Strecke nach Russland landen und dort die eine oder andere RZD-Maschine erwischen. Und wenn es dann morgen gen Süden in die Ecke von Vilnius geht, fahren wir praktischerweise unter der Front durch. Vielleicht klappts ja und wir tricksen so das Wetter aus.

Jetzt aber erst mal ran an den heutigen Tag. Während Pascal noch an der Matratze horcht, schwinge ich mich auf und entere die Dusche. Muss alles etwas fixer gehen, denn wir wollen wieder früh an der Strecke stehen. Nil hatte gestern gemeint, dass er einen Tagesstart mit ersten Bildern noch vor dem Frühstück toll finden würde. Also haben wir beschlossen uns auch heute für den Express 91 zu stellen. Diesmal verzichten wir aber auf ein Bild mit der lettischen TEP70 und stellen uns lieber in Griva, einem Vorort von Daugavpils, auf. Im dortigen Bahnhof dreht die Strecke wunderbar in die Sonne. Die Straßen sind leer, man erinnere sich, es ist Nationalfeiertag, und so kommen wir schnell vorwärts. Fein verteilt über das Bahngelände gehen wir in Position, wobei Nil unbedingt einen Schwellenstapel vorne an der Einfahrt erklimmen muss, was ihm neben einer anderen Perspektive auch noch schwarze Hände und Hosen einbringt! *grins* Die Schwellen waren frisch geölt!



TEP70-0347 der LG in Griva

Im schönsten Morgenlicht durcheilt der Express 91 „St.Petersburg – Vilnius“ die kleine Station von Griva. Dass es sich bei der Zuglok TEP70-0347 wieder um eine Maschine handelt, die wir schon desöfteren auf dieser Tour abgelichtet haben, ist mittlerweile schon fast tragisch komisch.



Zurück im Hotel gibt’s erst mal ordentlich Frühstück bevor wir uns wieder in Richtung Strecke begeben. Auch jetzt sind die Straßen noch recht leer, so dass wir gut durchkommen. Auf Höhe des Friedhofs fällt unser Blick auf die von uns als „Waldbahn“ titulierte Straßenbahnstrecke, wo gerade gemütlich ein Triebwagen der Reihe KTM5 angeschaukelt kommt. Das können wir uns nicht entgehen lassen!



KTM5 der Dtu in Daugavpils

KTM5 104 schaukelt auf dem welligen Schienenstrang daher.



KTM5 der Dtu in Daugavpils

Nach dem Stopp am Haltepunkt Friedhof rollt KTM5 104 weiter in Richtung Stadtmitte.



Hihi! Werden wir langsam doch noch zu „Straba-Fuzzern? *grins* Nein, nein. Hat nur gerade so schön gepasst und wir sind mittlerweile auch schon wieder auf dem Weg nach Naujene, zur großen Eisenbahn. Dort am Bahnhof angekommen sehen wir, dass das Signal Richtung Osten grün ist. Super! Während die drei Schweizer sich weiter vorne am Bahnübergang postieren, bleibe ich erst mal gemütlich auf einer Bank am Bahnsteig sitzen. Schön mal im mitgebrachten Buch schmöckern. Doch halt! Kaum habe ich vier Zeilen gelesen, brummt es auch schon vernehmlich aus Richtung Daugavpils. Nochmal die Stelle richtig angeschaut und gemerkt, hier ist es etwas ungünstig, also schnell ab hinters Bahnhofsgebäude. Langsam kommt das Motorgeräusch immer näher, aber irgendwie hört sich das nicht nach 2TE10 an!?!



ChME3 "Hummel" 5954 der LDZ in Naujene

Ein lettischer Nahgüterzug, gezogen von CME3-5954, durchfährt auf dem Weg nach Osten den Bahnhof von Naujene ohne Halt.



Und tatsächlich, anstatt des erwarteten Ferngüterzugs hummelt es. Keine schlechte Alternative und definitiv etwas zum Verfolgen. Im Geschwindschritt geht’s zurück zum Bahnhof wo schon das Abholkommando wartet. Kraslava, dahin könnte die Fuhre unterwegs sein. Hatten wir dort nicht vorgestern solche Wagen stehen sehen? Doch da angekommen zeigt sich der Bahnhof leer und auch nach einiger Wartezeit ist nichts von der Hummel zu sehen. Gut, einmal haben wir sie ja, da müssen wir nicht den restlichen Vormittag mit Warten verdaddeln. Na dann, ab nach Skaista auf den Hügel und vorher noch die Brücke hinter Kraslava angeschaut. Äch, total verwachsen, also weiter über lettische Landstraßen.



Skaista

Schnurgerade durch lettische Wälder geht es in Richtung Skaista.



Am Bahnhof angekommen, verteilen wir uns auf dem Areal. Während die anderen weiter hinten Aufstellung nehmen, hat es mir ein Holzhäuschen gleich bei der ersten Weiche angetan. Es ist hier so beschaulich, so ruhig ……. zu ruhig! Denn es fährt nichts. Anscheinend sind wir in die große Pause geraten. Während ich noch einer Hummel, diesmal einer biologischen, zuschaue, die die Löwenzahnblüten um mich herum besucht, höre ich ein Plätschern in der Nähe. Der Blick geht über die Zufahrtsstraße zum Bahnhof und was ich dort sehe ist bezeichnend für die Unterschiede, die in der EU herrschen. Vor einem Ziehbrunnen kauert eine Frau, umgeben von einer Unzahl von Schüssel, und wäscht dort per Hand ihre Wäsche.



Skaista

Großer Waschtag mitten im lettischen Nichts.



Fasziniert schaue ich zu und denke dabei an den Komfort den es bedeutet, wenn man einfach eine elektrische Waschmaschine im Bad zu stehen hat. Die fleißige Dame ist nämlich nun fertig und trägt die Wäsche schüsselweise zu einem gut 500 m weiter hinten stehenden Haus! Wie gut wir es doch haben mit unserem alltäglichen Luxus! Und welch schönes Hobby, dass uns solche Einblicke in andere Leben zulässt oder gar ermöglicht.

Genug sinniert, es röhrt und rollt gewaltig auf der Schiene, endlich wieder Zugbetrieb.



2TE10MK-3350 der BCh in Skaista

2TE10MK-3350 schleppt einen der langen Güterzüge gen Osten.



Da lohnt sich doch auch mal das Warten! Jetzt heißt es wieder Sammeln. Spekulierend auf weitere Ostfahrer wollen auf den Hügel an der westlichen Bahnhofseinfahrt. Wunderschön lässt sich dort sitzen, oder besser ließe, denn die Platzwahl muss mit Vorsicht getroffen werden. Es hat hier vor kurzem erst gebrannt und somit riskiert man bei unachtsamem Niederlassen eine schwarze Hose. Da die Sonne jetzt doch schon kräftig strahlt, ziehen sich einige in den Schatten der Bäume zurück. Aber nicht lange, denn es rollt erneut und zwar aus der richtigen Richtung! Sind wir nicht gut! *grins*



2TE10MK-3111 der BCh in Skaista

Wie bestellt der nächste Ostfahrer! 2TE10MK-3111 der weißrussischen Bahn auf dem Weg in Richtung Heimat.



Hier bleiben oder verschieben? Verschieben! Doch kaum am Auto angekommen röhrt es schon wieder durch den Wald. Zum Hochlaufen ist es zu knapp, also wird der nächste Güterzug gleich von der Straße aus erlegt.



2TE10M-3356 der BCh in Skaista

Diesmal eine 2TE10M, und zwar die mit der Nummer 3356, die einen Güterzug in Richtung Indra schleppt.



Hm? Wir haben ja am ersten Tag schon gelernt, dass die Güterzüge gerne mal blockweise in eine Richtung unterwegs sind. Aber wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass nach Dreien in einer Richtung in kürzester Zeit noch ein Vierter hinterher kommt? Zugegeben, nicht hoch. Aber wir denken an die Streckensperre von gestern, die zwischen Krustpils und Daugavpils, und fragen uns, ob der Rangierbahnhof von Daugavpils nicht voll steht von Umleiterzügen oder Zügen die die Sperre weiter im Inland abgewartet hatten. Sprich, wir riskieren es und fahren zum großen Damm hinter Skaista. Dort angekommen müssen wir feststellen, dass die Sonne bereits fast im 45° Winkel zur Strecke steht. Doch zum umdisponieren bleibt keine Zeit, der Bahnübergang springt an. Etwas auf dem Dammweg dem Zug entgegen gelaufen und freudig in die Gerade reingetelt.



2TE10MK-3351 der BCh in Skaista

Zug vier in Richtung Osten. Diesmal mit der etwas dunkleren 2TE10MK-3351 an der Spitze.



Gut, also jetzt nach dem vierten der gen Weißrussland fährt, dürfte schon mal wieder einer in Richtung Daugavpils kommen. Wir nähern uns zwar schon dem Zeitpunkt an dem wir langsam in Richtung Rezekne aufbrechen wollten, aber einer im Licht sollte doch noch gehen. Direkt an der östlichen Bahnhofseinfahrt finden wir einen netten Bahnübergang und etwas Halbschatten für das Auto. Dort machen wir es uns gemütlich. Während Nil seinen Minilaptop auspackt um Reisebericht nachzuschreiben und wir anderen uns malerisch neben ihm in der Wiese drapieren, rumort es schon wieder im Wald. Toll! Nur leider wieder aus der falschen Richtung!!! *meno*



2TE10M-2805 der BCh in Skaista

Sie befördert Nummer fünf in Richtung Weißrussland, die 2TE10M-2805.



Nun wird’s langsam arg! Aber sollen wir jetzt wirklich aufbrechen. Ein bisschen Zeit hätten wir noch und irgendwann MUSS doch einer aus der Gegenrichtung kommen. Doch während wir noch diskutieren was wir jetzt machen sollen, kündigt sich vom Bahnhof her auch schon Ostfahrer Nummer sechs an.



2TE10M-2894 der BCh in Skaista

Ja wie viel kommen denn da noch? Auch 2TE10M-2894 kommt aus Richtung Daugavpils an uns vorbei gerollt.



Jetzt muss aber doch endlich einer von Osten her kommen. Wir handeln bei Pascal, der eigentlich los möchte, noch eine kurze Frist aus. Einer mit Licht auf der Schnauze muss einfach noch sein!
Die Minuten verstreichen und unser Tun ist geprägt von dösen, lesen und immer wieder zum Bahnübergang marschieren um die Signale zu checken. Eine Prozedur die sich mit wechselnden Personen in kurzen Abständen wiederholt. Jedes Mal geht der Blick zuerst in Richtung Einfahrtssignal…….Mist! Rot!......dann flehend in Richtung Osten zum nächsten Blocksignal…..*bloß nicht grün……bloß nicht grün*…….doch! Grün!

Nummer sieben kündigt sich an und uns gehen schon die Perspektiven aus. An dunkle Fronten haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Pascal und Philipp haben schon leicht kapituliert und bleiben nahe beim Auto, Nil und ich wollen etwas weiter vorne was probieren. Nur zwecks der Abwechslung.



2TE10M-2934 der BCh in Skaista

Mit einem langen Kesselzug kommt 2TE10M-2934 die Steigung herauf gekrochen.



2TE10M-2934 der BCh in Skaista

Nur mühsam kommt der Dieselkoloss mit seiner schweren Last voran.



Schon immer wieder beeindruckend, was für Züge hier unterwegs sind. Nachdem die Wagenschlange passiert hat geht unser Blick nach Osten und wir hören auf das Singen der Schienen. Deutlich ist zu hören wie der Güterzug im Gefälle nach der nahen Kuppe wieder deutlich beschleunigt, dann verlangsamt sich das Klackern wieder und das Singen nimmt ab. Gespannt schauen wir dem Zug nach. Kämpft er nur mit der nächsten starken Steigung oder geht es auf die Seite um den lange ersehnten Zug aus Osten durch zu lassen?



2TE10M-2934 der BCh in Skaista

2TE10M-2934 zieht ihre Last über die nächste Steigung hinauf. Aus dieser Perspektive wird das auf und ab der Strecke erst richtig deutlich.



Während wir noch hoffnungsvoll in Richtung Indra blicken, kündigt sich von hinten schon das nächste „Unheil“ an. Nummer acht naht! Das kann ja wohl nicht sein, oder?



2TE10M-2807 der BCh in Skaista

Der vorherige Güterzug ist noch nicht über die nächste Kuppe, da schiebt sich schon 2TE10M-2807 mit dem nächsten heran.



Unglaublich so etwas! Acht Züge hintereinander weg in eine Richtung. Über das gebotene kann man sich nicht wirklich beschweren. Es rollt, und zwar ordentlich! Tja, nur leider immer aus der falschen Richtung, sprich „aus der Sonne“.

Nil und ich trotten langsam zu den anderen zurück, dabei fällt mir neben den Schienen ein Relikt aus vergangenen Sowjetzeiten auf.



LDZ in Skaista

Kommunistischer Stern auf der Bodenabdeckung des Kilometersteins. Auch im Lettland des Jahres 2012 finden sich noch Überbleibsel, die an Zeiten erinnern, als dies noch eine Teilrepublik der UdSSR war.



Zurück am Auto geht das große Palaver los. Wir haben irgendwie das Gefühl den Tag verdödelt zu haben. Nach Plan hätten wir uns schon lange in Richtung Rezekne vom Acker machen müssen. Stattdessen waren wir darauf fixiert gewesen, hier noch unbedingt eine Zugfahrt mit idealem Licht machen zu müssen. Nun war es für die Fahrt gen Norden fast schon zu spät. Zudem bezog sich langsam, wie vorhergesagt, der Himmel. Sprich, es konnte uns passieren, dass wir ein oder zwei Stunden im Auto verbringen, nur um dann festzustellen, dass dort oben das Licht weg ist. Die Tatsache, dass wir nicht genau wissen was, wann, wie im Norden fährt und die immer größer werdende Wahrscheinlichkeit das jetzt endlich etwas von Osten kommen muss, verstärken unsere Rat- und Entschlusslosigkeit nur noch zusätzlich.

So vergeht eine Viertel-, eine Halbe, eine Dreiviertelstunde in der sich nun auch auf der Schiene nichts tut. Stumpf starren wir in Richtung der verschwindenden Gleise, diskutieren zum 20x „abfahren oder warten“, nur um immer mehr das Gefühl zu bekommen einen Fehler gemacht zu haben. Überflüssig zu erwähnen, dass die nächsten beiden Zugfahrten, die nach einer knappen Stunden kommen, wieder gen Osten gehen. Mangels Möglichkeiten aufgrund des Sonnenstandes gibt es von diesen Leistungen nur mehr Querschüsse mit Bahnübergang.



2TE10M-2895 der BCh in Skaista

Während 2TE10MK-2895 wenige Minuten vorher durch ist, kommt 2TEM-2852 mit Ostfahrer Nummer 10 daher.



So, was jetzt? Zum Abfahren ist es mittlerweile definitiv zu spät. Also schauen wir uns etwas um, unter anderem zum Bahnhof um dort zu kucken wie die Sonne steht. Hoppla, was ist das? Ein grünes Signal in Richtung Daugavpils. Hurra!!! Schnell zurück zum Bahnübergang, denn eigentlich ist es dort ja ganz nett! Und endlich, nach ewiger Warterei kommt eine 2TE10M der Weißrussischen Staatsbahn über die Kuppe gekrochen!



2TE10M-3553 der BCh in Skaista





2TE10M-3553 der BCh in Skaista

Langsam und mit etwas merkwürdigem Motorengeräusch kommt 2TE10M-3553 an uns vorbeigekrochen.



Ein Blick auf das nahe stehende Einfahrtssignal zeigt: Ablenkung! Zudem zeigt sich im Bahnhof ein Kesselzug der dort auf die Kreuzung wartet. Wie jetzt? Egal! Ab ins Auto und hinterher. Den schaffen wir noch von unserem Feldherrnhügel herunter.

Kräftig staubend stemmt Nil unser feuerrotes Spielmobil über die Sandpiste und ich bin ehrlich gesagt nicht unfroh, als wir wieder Teer unter den Reifen haben. Dann geht es vorbei am Bahnhof hinunter zum Bahnübergang. Raus und im Schnellschritt auf den Hügel hoch. Dort stehen wir nun hechelnd und merken, die Eile hätte gar nicht Not getan. Unser Zug hat es sich mittlerweile im Bahnhof gemütlich gemacht. Soll er sich nur Zeit lassen oder, vielleicht lieber nicht zu viel, denn ein Blick hinter uns an den Himmel zeigt, dass dort der Schmodder der Sonne schon bedenklich nahe kommt. Aber keine Panik, nun geht’s ja los! Oder doch nicht?

Was nun folgt war alle Warterei, alles Hadern, alle 10 Züge aus der Sonne und jede abgesessene Minute wert!!!

Die mächtige Maschine heult auf, rappelt und verstummt wieder, ohne dass sich der Zug bewegt. Wenigstens nehmen wir auf die Distanz keine Bewegung wahr. Der ganze Vorgang wiederholt sich vier, fünf, sechs Mal. Dann erst setzt sich der Zug langsam, gaaaaanz langsam in Bewegung. Wie eine Schnecke kriecht er aus dem Bahnhof, dann passiert es! Ein Aufheulen und aus den Abgasrohren schießt eine Qualmsäule wie ich sie noch nie bei einer Dieselmaschine gesehen habe!



2TE10M-3553 der BCh in Skaista

Mit einer gewaltigen Rauchsäule verlässt 2TE10M-3553 den Kreuzungsbahnhof von Skaista.



Show oder ein Problem? Über das werden wir noch lange grübeln. Tatsache ist, dass die Maschine nicht gerade gesund klingt als sie an uns vorbeirollt. Und auch das Beschleunigen des Zuges fällt ihr, trotz Gefälle, merklich schwer. Aber warum raucht dann nur die hintere Sektion? Die Tage hier in Lettland haben uns gelehrt, dass man hier nicht zwanghaft mit zwei arbeitenden Sektionen herum fährt. Noch am selben Abend konnten wir einen Weißrussen sehen, der selbst beim Anfahren eines Güterzugs nur eine in Betrieb hatte. Wir werden es wohl nie ergründen können, ob die 3553 Probleme hatte oder nur einen fähigen Lokführer, der den Eisenbahnfans ein richtiges Spektakel bieten wollte. Sollte letzteres der Fall gewesen sein, dann auf diesem Wege unbekannterweise: DANKE!!!

Während wir noch begeistert unsere Bilder betrachten, beginnt es am Bahndamm zu qualmen. Die 2TE10M hat allem Anschein nach bei ihrer spektakulären Ausfahrt drei Böschungsbrände entfacht. Auch weiter hinten im Bahnhof tut sich etwas, ein weiterer Westfahrer schiebt nämlich seine Nase um die Kurve. Also ab nach hinten und mit etwas anderer Perspektive aufgestellt.



2TE10M-3553 der BCh in Skaista

Durch den Rauch der Böschungsbrände fahrend, die die Ausfahrt ihrer Schwester ausgelöst hat, macht sich 2TE10M-3550 auf den Weg nach Daugavpils.



2TE10M-3550 der BCh in Skaista

„Mächtig gewaltig“, würde die Olsen-Bande sagen. 2TE10M-3550 auf dem Weg gen Westen.



Beim vorlaufen zum Auto sehen wir, dass einer der drei Brände mittlerweile von selbst erloschen ist. Dafür qualmen die beiden anderen umso stärker.




LDZ in Skaista





Nur was tun? Löschen mit unseren 2-3 Litern Mineralwasser die wir dabei haben? Ein aussichtsloses Unterfangen. Bleibt nur sich von dannen zu machen. Denn selbst wenn hier wer in der Nähe wäre, wie sollten wir uns verständlich machen. Außerdem hatte ja der Lokführer der 3550 alles gesehen und sicherlich schon per Funk weitergemeldet.

So, was jetzt? Großartig in Richtung Daugavpils brauchen wir nicht fahren. Dort scheint sonnentechnisch schon alles dicht zu sein. Also hier noch etwas suchen. Die Wahl fällt auf Stacja Kráslava und dort angekommen sehen wir, dass Glück ist wieder da, denn das Ausfahrtssignal in Richtung Westen steht auf Grün.



2TE10M-3552 der BCh in Stacja Kráslava

2TE10M-3552 durcheilt Stacja Kráslava in Richtung Westen.



Das war es dann aber auch mit Sonnenbildern an der Strecke. Der Schmodder hat uns erreicht und von einem auf den anderen Moment heißt es „Licht aus“!

Bei der Rückfahrt nach Daugavpils machen wir noch etwas Streckenkunde. Dabei gefällt den anderen eine Ausweichstation im Wald, die mich nun so gar nicht begeistern kann. Aber was soll’s, die Mehrheit siegt. Denen vergeht aber auch der Spaß, als ein deutlich angetrunkenes Männlein (nicht abfällig gemeint, er war wirklich recht klein) motzend, brabbelnd, gestikulierend auf uns zugewankt kommt. So schnell wie wir da waren, sind wir auch schon wieder in den weiten lettischen Wäldern verschwunden.

Also, nun doch auf direktem Weg zurück nach Daugavpils und ins Hotel. Schließlich haben wir ja heute noch Nachtprogramm *aaaaah* !

Aber wir wären nicht wir, wenn unser hehres Ansinnen nicht schon am nächsten Schienenstrang durchkreuzt würde. Von der Straßenbrücke beim östlichen Bahnhofskopf aus sehen wir nämlich eine umsetzende 2TE116 und eine auf Ausfahrt wartende 2TE10.

Nichts wie hin. Schnell ist ein Plätzchen an den Gleisen gefunden. Dunkel ist’s, aber „a bisserl was geht immer“! Die 2TE116 entpuppt sich als 1060 der estnischen Privatbahn Skinest Rail, die 2TE10 als die weißrussische M- 2850. Toll! Umso mehr, als sich so die Möglichkeit bietet, die beiden doch sehr ähnlichen Loktypen nebeneinander zu fotografieren. Somit kann man auf die Suche nach den Unterschieden gehen.



2TE116-1060 der Skinest Rail in Daugavpils

Während links die weißrussische 2TE10M-2850 auf die Ausfahrt nach Osten wartet, rollt 2TE116-1060 der Skinest Rail leer in Richtung Depot davon.



Daugavpils ist ja quasi das Heimatdepot der Skinest Rail Diesel. Hat doch das Unternehmen einen Teil des Bw angemietet um dort seine Maschinen zu warten und zu unterhalten.

Wir beobachten noch die Ausfahrt des Weißrussen, dann geht es weiter. Allerdings nicht allzu weit, denn jetzt wo wir schon mal da sind, lockt der Fußgängersteg auf der anderen Bahnhofsseite. Der Himmel ist gnädig und lässt die Sonne auch ab und zu nochmal durchspitzen, das muss einfach genutzt werden.



ChME3 "Hummel" 5206 der LDZ in Daugavpils

Inmitten von Güterwagen ruht sich CME3-5206 von der Mühsal des Tages aus.



2M62U der LDZ in Daugavpils

Mit einer langen Schlange von offenen Güterwagen kommt 2M62U-0117 vom Güterbahnhof her, um weiter nach Krustpils zu fahren. So langsam erschließt sich uns damit der Gleisplan der hiesigen Bahnanlagen.



Von der Brücke aus gibt es jetzt nichts mehr zu sehen und auch die Sonne hat sich nun wieder ganz hinter Wolken verzogen. Doch so richtig los kommen wir auch nicht. Kaum am Fuß der Brücke angekommen zeigt sich, dass wir gleich wieder zu Straba-Fotografen mutieren können. An der Haltestelle ist nämlich gerade ein KTM5 angekommen.



KTM5 der Dtu in Daugavpils

KTM5 mit der Nummer 105 hat jede Menge Fahrgäste zur Haltestelle am Bahnhof gebracht.



KTM5 der Dtu in Daugavpils

Nach einigen Minuten geht es wieder hinunter in die Innenstadt, dabei muss eine enge Kurve durchfahren werden.



Mittlerweile ist es schon fast halb acht und wir müssen uns etwas sputen. Die Fahrt ins Hotel, duschen und essen ist angesagt, schließlich wartet ja noch ein, wenn nicht gar das Highlight des Tages auf uns. Der Schnellzug Riga –Minsk, der zum Zeitpunkt unseres Besuchs noch nicht täglich fährt, aber eben genau heute!

So packen wir nach einem leckeren Essen eilig unsere Fotoausrüstung zusammen und machen uns auf den Weg zum Bahnhof. Diesmal zu Fuß, denn vom Hotel aus ist es nicht weit. Lange habe ich überlegt ob ich die Kamera überhaupt mitnehmen soll, denn es ist unklar wie die „Organe“ am Bahnhof auf nächtliche Fotoorgien reagieren. Doch andererseits, lass mal die Schnellzüge ab Daugavpils mit weißrussischen Maschinen bespannt sein, mit einer TEP70 oder, ich möchte es mir kaum erträumen, gar mit einer TEP60? Ich würde mir ja die Krätze an den Hals ärgern! Also sicherheitshalber die Fotografierbildlmaschine geschultert und abgetrollt. Pascal schleppt sogar Nils Stativ mit, was bei uns eher Kopfschütteln auslöst. Unauffällig in einem Land fotografieren was nicht immer diesem Hobby aufgeschlossen gegenüber steht und dabei am dunklen Bahnsteigende mit einem Stativ herum turnen……..ich weiß ja nicht…….

So richtig wissen wir gar nicht was uns erwartet als wir die Stufen zu den Gleisen erklimmen. Fahren die Letten mit ihren Maschinen rüber ins Nachbarland? Wird in Stacja Kráslava die Lok gewechselt? Schließlich hat der Zug dort laut Fahrplan einen langen Aufenthalt oder ist dieser nur für den Zoll gedacht? Kommen die Weißrussen mit einer Maschine extra leer hierher gefahren oder, was wäre das für ein Foto gewesen, schicken sie die Lok als Leervorspann vor einem Güterzug hierher?

Fragen, von denen nicht alle, aber einige geklärt werden. Denn an der Spitze des Zuges blubbert leise TEP70-0226 der Weißrussischen Staatsbahn vor sich hin. Wir schlendern gemütlich am Zug entlang, kucken dabei unschuldig und stellen beruhigt fest: Keinen interessiert unsere Anwesenheit sonderlich. Die Eisenbahner haben mehr mit der Abfertigung des Zuges zu tun und die Reisenden mit dem Abschied nehmen. So gelangen wir unbehelligt ans Bahnsteigende um dort den Versuch zu starten, den Zug abzulichten, oder besser, abzudunkeln. Denn mangels größerer Mengen von Bahnsteigleuchten ist es verdammt dunkel hier.

Während sich Pascal nun intensiv und natürlich „völlig unauffällig“ dem Aufbau des Stativs widmet, schießen Nil, Philipp und ich verschiedene Serien mit unterschiedlichen Belichtungen und Brennweiten, getreu dem Motto, eines aus der Reihe wird schon passen und nicht verwackelt sein. Der Plan geht auf, während unser Stativbauer noch kräftig am Arbeiten ist, können wir uns in Ruhe die Lok etwas genauer ansehen.



TEP70-0226 der BCh in Daugavpils

TEP70-0226 der Weißrussischen Staatsbahn hat den Express 387 „Riga – Minsk“ in Daugavpils übernommen und wird ihn in wenigen Minuten in Richtung Osten weiterbefördern.



Die Lackierung der Maschine gefällt mir ehrlich gesagt von all den bisher gesehenen Varianten am besten. Überrascht bin ich, als ich am Führerstand der Lok ein übermaltes Gussschild mit CCCP entdecke. Dass man das nicht schon längst entfernt hat?!?

Bis zur Abfahrt ist noch etwas Zeit und so schlendern wir zum weiter hinten abgestellten DR1A-172, der sich unter dem Mond für den neuen Tag ausruht.



DR1A der LDZ in Daugavpils

Nachtruhe im Bahnhof von Daugavpils. Für heute hat er genug getan, aber morgen wird DR1A-172 wieder im Nahverkehr durch Lettland rollen.



Nun hat auch der Schnellzug endlich Ausfahrt. Die TEP70 hat keine Mühe die 5 lettischen Wagen zu beschleunigen und so geht die Abfahrt des Express 387 in die Nacht recht unspektakulär von statten. Und während sich die Ruhe über die Gleise senkt, verlassen auch wir den Bahnhof um unsere Schritte wieder in Richtung Hotel zu lenken. Das Tagesabschlussbierchen wartet dort auf uns in der Bar neben dem Foyer, welche wir noch unbedingt ausprobieren müssen bevor es morgen wieder zurück nach Litauen geht. Da Pascal unbedingt die Straßenbahn testen will, laufen wir als Trio zurück durch die von auffallend vielen Jugendlichen bevölkerten Straßen.

Im Hotel angekommen gibt es neben besagter Hopfenkaltschale aus lokaler Produktion auch das Resümee des heutigen Tages und den Ausblick auf morgen.

Auch wenn nicht alles so nach Plan lief und wir uns mit unserem verbissenen Warten auf einen Westfahren ziemlich in die Sackgasse manövriert hatten, insgesamt war’s mal wieder gut und das Spektakel mit der qualmenden 2TE10 in Skaista jede Minute des Wartens wert. Dann noch das Sahnehäubchen „Schnellzug“ von eben, man kann mehr als zufrieden sein. Denn man Prost, nich!

Und der Ausblick für morgen ist auch nicht verkehrt! Für mich das persönliche Highlight der Tour, der 79er nach Kalinigrad, bespannt mit einer TEP60! Hoffentlich klappt‘s!?!?!?