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Von den sanften Hügeln Moldawiens zu den Höhen der Karpaten - Teil 6

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Dienstag, 14.Mai 2013 - Poliani - Poliani

Etwas ratlos stehen Nil und ich auf dem Balkon unseres Zimmers und blicken in das feuchte Grau des neuen Morgens. Eines ist klar, der Wetterbericht hatte eindeutig vergessen dem Wetter zu sagen, dass es heute besser wird. Ein kleines blaues Loch, das sich kurzzeitig aufgetan hat und unsere Hoffnungen nährt, schließt sich genauso schnell wieder. Was bleibt ist Dunkelheit und Nässe.



Poliana

Trüb zeigen sich an diesem Morgen die Karpaten.



Den Plan an die nördlich liegende Elektrobahn zu fahren haben wir schnell begraben. Bei wenig Zugfahrten am Tag und diesen Verhältnissen, nicht wirklich eine zwingende Notwendigkeit. Da doch lieber ab an die Hauptstrecke, wo der dichte Zugverkehr wenigstens eine kleine Chance in sich birgt, ein Bild bei einigermaßen Licht zu machen.

Guter Gedanke, aber es sei vorweg genommen, wirklich funktioniert hat die Umsetzung nicht. Und so gibt es von heute leider nur trübe Grisselbilder mit verhangenem Hintergrund. Was hilfts! Und außerdem, bei Sonne kann ja jeder fotografieren, oder? *grins*

Ohne große Eile machen wir uns auf den Weg nach Volovec. Das Frühstück-Buffet lassen wir links, ne halt, rechts liegen, denn schließlich haben wir gestern Abend schon ein Lunch-Paket übernommen. Vorteil der kalten Temperaturen: Das konnte die Nacht über im Auto wohnen und ist immer noch gut.

In Volovec angekommen geht’s dann erst einmal dem Tal entlang in Richtung Pass. Stellen gäbs genug, aber es ist halt wie bei jeder Gebirgsbahn: Straße unten, Gleise oben. Sprich, alle diese Stellen müssten erlaufen werden. Schön bei Sonne und wenn man sich gemütlich ins Gras fletzen kann, heute aber absolut keine Option. Bei feinem Sprühregen und zugigem Wind zieht es uns eher zum bekannten Bahnübergang. Dort lässt sich gemütlich im Auto warten wenns draußen mal arg wird und der Bahnübergang sorgt für Zugvorwahrnung. Über Verkehr brauchen wir uns definitiv nicht beschweren, nur ein bisschen Licht dürfte schon sein. Was will man machen!?!



ERL2T der UZ in Volovec

Fast wäre er vom Güterzug zugefahren worden. EPL2T-002 als Zug 6504 auf der Rampe bei Volovec.




WL11M-140 der UZ in Volovec

In Volovec gehen Vorspann und Schubloks vom Zug, daher gibt es jede Menge von Leerfahrten zu beobachten, wie hier die VL11M-140.




WL11M-037 der UZ in Volovec

Auch VL11M-037 und VL11M-123 rollen als Leerfahrt an uns vorbei.



Freunde dieser Ellok-Baureihe kommen hier definitiv auf ihr Kosten. Allerdings kann der Verkehr auch schnell etwas eintönig werden. Erst recht, wenn man, wie wir, wetterbedingt seinen Standort und damit das Motiv nicht groß verändern kann. Da freut man sich doch gleich über jede Abwechslung in der Triebfahrzeuggestellung.



EPL2T der UZ in Volovec

Gleiche Reihe wie beim ersten Bild, aber mit deutlich modernerem Kopf. EPL2T-031, unterwegs als Zug 807.



Einige Güterzüge später stehen nun die beiden Schnellzüge an, die bei Tageslicht auf dieser Strecke rollen. Endlich wird die grüne VL11 Übermacht gebrochen, so zumindest der Gedanke. Aber wir haben die Rechnung ohne die Ukrainische Bahn gemacht. Wird doch auch den schönen blauen VL10 eine grüne VL11 vorgespannt. Muss ja wohl wegen der Last so sein, machst aber auch nicht schöner! *grins*


WL11M-087 der UZ in Volovec

Ihrer schönen, älteren Schwester WL10-1478 ist die grüne VL11M-087 vorgespannt. Beide bringen in Gemeinschaftsarbeit den Schnellzug 108 „über den Berg“.



WL11M-014 der UZ in Volovec

Kaum ist der Schnellzug verschwunden, sorgt ein Lokzug wieder für Bewegung auf den Schienen. VL11M-014, VL11M-092 und VL11M-087 rollen leer die Rampe hoch in Richtung Passhöhe.



Nachdem auch Schnellzug 7 wie erwartet mit der Kombination VL11 vor VL10 den Berg herab kommt, sehr zur Betrübnis mindestens eines Fotografen, gibt es einen der langen Güterzüge mit 4 Maschinen der Reihe VL11. Drei vorne und eine hinten dran.



WL11M-046 der UZ in Volovec

Mit einer langen Schlange offener Vierachser rollt das Dreiergespann aus VL11M-046, VL11M-140 und VL11M-080 die Gefällestrecke herunter. Am Zugschluss ist noch VL11M-123 mit von der Partie, die sich aber noch schüchtern hinter der Kurve versteckt.



Aha, lief die 140 nicht eben noch leer nach oben? Jetzt wiederholen sich nicht nur die Baureihen, nein es kommen auch immer wieder dieselben Maschinen. Zeit zu gehen, oder? Nööööö! Vorher steht nämlich noch ein Regio an und da hoff ich doch endlich meinen ersten ER2 mit alter Front zu erwischen! *daumendrück* Doch schon ein Blick auf den am Gegenhang herabkommenden Zug macht klar, wieder nix!



ER2 der UZ in Volovec

Wieder nur ein ER2 mit platter Nase *grmbl* ER2-1029 ist an diesem Tag als Regio 6505 unterwegs.



Einen bergwärts fahrenden Triebwagen…..



EPL2T der UZ in Volovec

Modern! EPL2T-031 als 808 kurz hinter Volovec.



…..und einige VL11M später machen wir uns auf die mittlerweile klatschnassen Strümpfe. Wir haben zwischenzeitlich jeden Quadratmeter des Hangs abgewandert um wenigsten immer etwas anders zu stehen, doch abwechslungsreicher ist es damit auch nicht geworden. Daher beschließen wir ins „Flache“ westlich der Karpaten zu fahren. Vielleicht ist ja dort das Licht etwas besser und vielleicht erwisch ich ja da meinen „runden“ ER2. Die beiden anderen versichern mit auf alle Fälle glaubhaft, dort bei der Anreise aus dem Zug welche gesehen zu haben. Also los.

Mit zwei kurzen Zwischenstopps, welche beide Fotos hervorbrachten die nicht wirklich vorzeigbar sind, geht’s in Richtung Strabycheve.

Wenigstens gibt’s auf den letzten Kilometern dorthin das Highlight des Tages! Hier in der Ebene vor den Karpaten ändert sich nicht nur der Charakter der Landschaft schlagartig, „Marke topfeben, sodass man schon am Mittwoch sehen kann, wer am Sonntag zum Kaffee kommt“, nein auch die Bebauung wird eine andere: Straßendörfer!

Kilometer lang schlängelt sich das mehr oder weniger, meist weniger, vorhandene Teerband durch die Reihen der Häuser, die links und rechts der Straße stehen. Dahinter nichts als Gärten und Felder. So wird jede Ortsdurchfahrt zum Jahrhundertprojekt. Erst recht, wenn man in den Heimtrieb der ortsansässigen Kühe gerät! Und genau das passiert uns.



Zhnyatyno




Tja, da hilft halt nur eins. Geduldig im Trott mitfahren und das entschleunigte Landleben genießen. Das tun wir auch ausgiebig, können uns aber das monotone Nicken der Köpfe im Takt der Schritte gerade noch verbeißen.
Der Lenker des hinter uns fahrenden Überlandbusses scheint aber diese Gelassenheit nun aber nicht zu haben. Permanent hupend bahnt er sich einen Weg durch die tierische Nachhut unserer friedlichen Kolonne. Und nachdem er auch uns auf diese Weise überholt hat, versucht er sich an die Spitze des Zuges vor zu kämpfen.



Zhnyatyno




Die dort laufenden Vierbeiner sind aber nicht umsonst in der Führungsposition. Abgeklärt und nervenstark halten sie ihren Trott und leiten den ganzen Tross zielsicher über die Dorfstraße. Es geht doch nichts über die Sturheit von Rindviechern, oder? Doch, die der Menschen und insbesondere der Vertreter dieser Spezies, die sich als Omnibusfahrer verdingt haben. Denn nachdem sein Hupkonzert bei den Hufträgern weiterhin auf taube Ohren stößt, bahnt er sich den Weg einfach schubsend durch die Menge. Was nicht auf die Seite gehen will, wird, durchaus sanft, unter Einsatz des fahrenden Vehikels aus der Bahn geschubst.



Zhnyatyno




Zugegeben, clever und äußerst erfolgreich! Aber wir bleiben brav in der Herde, werden von dieser irgendwann auf „natürliche Weise“ freigelassen und erreichen schließlich die östliche Ausfahrt des Bahnhofs von Strabycheve.
Flach, weitläufig, ohne optische Höhepunkt! Schön ist anders! Der Fehler ist nur, das Angebot an vernünftigen Alternativen ist sehr gering, um nicht zu sagen, nicht vorhanden. Machen wir halt einfach das Beste daraus.



10-1487 der UZ in Strabichevo

Endlich mal die „blaue“ vorne! VL10-1487 bringt Schnellzug 81 durch die Ebene.




ER2 der UZ in Strabichevo

Ob sich Familie Storch vor Beziehen der neuen Wohnung die Expertise wirklich genau durchgelesen hat? „Verkehrsgünstige Lage“ kann halt manchmal eine böse Überraschung beinhalten.
ER2-323 läuft als 6527 in den Bahnhof von Strabycheve ein.



Da war es nun endlich, mein erstes Bild eines ER2 mit originalem Kopf! Zwar ohne Licht, dafür aber mit Storch. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, aber im tiefsten meines Herzens bereits irgendwie spürte, es sollte auch mein letztes Bild dieser Reihe auf der Tour werden.

Für uns gibts es jetzt noch die VL10-1485 vor einem Nahgüterzug…..



10-1485 der UZ in Strabichevo

VL10-1485 hat einen kurzen Nahgüterzug nach Strabycheve gebracht. Gerade hat sie von den Wagen abgesetzt und rollt jetzt zum „Wechseln“ auf das Hauptgleis in den östlichen Bahnhofskopf.



…..und den nächsten anstehenden Schnellzug „Uzhgorod – Kiew“.



10-1493 der UZ in Strabichevo

Mit Schnellzug 99/100 „Uzhgorod – Kiew“ strebt VL10-1493 den Karpaten zu.




Reisezugwagen der UZ in Strabichevo

Einige Wagen im Zugverband sind abweichend lackiert, so wie hier der 035 17653.



Jetzt reicht’s aber. Was Gescheites kommt heute sowieso nicht mehr heraus. Wir haben’s versucht und tapfer durchgehalten. Was bleibt? Hoffen auf morgen, es soll mal wieder schöner werden, und Vorfreude auf ein leckeres Abendessen!

Frisch geduscht und frisiert geht’s in den Speisesaal. Unsere Bedienung von gestern hat heute anscheinend frei und ihre Vertretung kommt winkend und leicht verzweifelt lächelnd auf uns zu: „Nix Deutsch, nix Englisch, nur Ukrainisch!“.
Gut, wer einen so süß anstrahlt, dem verzeiht man doch alles! *grins* Außerdem ist unser Freund von der New Yorker U-Bahn wieder anwesend und springt ungefragt sofort als Übersetzer ein. So klappts auch problemlos mit der Bestellung des Essens und Nachschub an Bier und Sprit kann man auch nonverbal mit Zeichen gut ordern.
Nebenbei tauschen wir noch Erlebnisse des Tages aus und nachdem wir auch mit der jungen Dame von gestern noch ein bisschen geplauscht haben, geht’s ab in die Federn.

Soviel sei schon mal verraten, es wird auch morgen nicht besser. Im Gegenteil! Wenigstens was das Wetter angeht. In Sachen Fahrzeugen dagegen kann man sich nicht beschweren.

Also dann mal gute Nacht Poliani, gute Nacht Karpaten, Augen zu und schick geträumt!