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Unterwegs mit den Herren Bei Ho Thsai und He Fu Bao - Teil 7

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Montag, 30.08.2015

Es ist so weit. Der Tag der Entscheidung ist gekommen. Gelingt es uns heute wieder nicht einen fahrbaren Untersatz zu besorgen, dann sind wir wohl endgültig gescheitert. Das Alternativprogramm wären dann Fahrten mit Fahrer, eine ziemlich einschränkende Option und zudem teuer, Touriprogramm und am Ende des Urlaubs, der Trip per Bahn und zu Fuß in die Berge westlich Beijing.

Aber jetzt ist erstmal Frühstück angesagt. David hat einen anderen Raum gefunden, in dem es richtig nach Frühstück aussieht. Kontinentales Frühstück sogar! So glaubt er jedenfalls gesehen zu haben. Mit chinesischem kann er nämlich nichts anfangen. Und ich zugegebener Maßen auch nicht wirklich. Wenigstens nicht mit der Variante die ich vor 10 Jahren mal „kosten“ durfte. Doch mit dem was wir letztendlich finden kann ich mich deutlich besser anfreunden wie er. Es ist nämlich doch chinesisch. Schlecht für David, gut für mich. Bei der Auswahl an verschiedenen Gerichten und Gemüsen ist auf alle Fälle etwas dabei. Die muffige Reissuppe kann da gerne in ihrem Topf weiter beruhigt vor sich hin dampfen. Von mir hat sie nichts zu befürchten.




Groß war die Auswahl an diesem Morgen. Das Bild zeigt nur die eine Hälfte des Buffets.





Während ich mir den Teller auflade, geht David, mangels für ihn passendem Angebots, schon etwas selektiver vor. Und von dem was er sich ergattert sind Teile, wie die ranzige Butter, auch noch ungenießbar. Gut, wann wird hier schon jemand zuletzt nach der Butter gegriffen haben.

Es zahlt sich nun aus, dass ich in Sachen „was gibt’s zum Frühstück“ ein bisschen härter bin und auch dem dargebotenem etwas abgewinnen kann. Was mich aber fast an meine Grenzen kommen lässt, sind die Tischsitten bzw. die Unsitten der Chinesen. Jeder von Ihnen sitzt in einem Müllberg aus Essensresten, die Augen starr auf den Fernseher gerichtet und mampft geräuschvoll mit vollen Backen vor sich hin. Eine ganz eigene Kultur eben. Lässt sich der Anblick durch einfaches Wegschauen noch ausblenden, hilft bei der Geräuschkulisse nur mehr eine angeregte Konversation.

Ab und an riskiere ich dann aber doch mal einen Blick, Feldstudien betreiben sozusagen. Dabei lerne ich, wie man ein hartes Ei mit Stäbchen ist. Interessiert? Dann hier mal kurz die Anleitung:

- man schält das Ei von Hand in vertikaler Richtung erst einmal zur Hälfte ab
- anschließend nimmt man das Ei in die linke Hand, die Stäbchen parallel zueinander in die rechte
- der nächste Schritt muss schnell und mit einer gewissen Zielstrebigkeit ausgeführt werden – man sticht nun nämlich das eine Stäbchen von oben in das halb entblößte Ei und hält dieses gleichzeitig mit dem anderen Stäbchen seitlich fest
- dann zieht man mit Hilfe der beiden zusammengepressten Stäbchen das Ei aus der Schale und
- schiebt es sich, bevorzugter weise, auf einmal in den Mund

Voala!

Die Schale entsorgt man auf bewährte Art und Weise, vorzugsweise auf Tisch oder Boden, indem man sie einfach fallen lässt.

Reisen bildet!

Derart gestärkt marschieren wir auf unsere Zimmer, Angstpieseln und Nil holen, dann geht es hinaus auf die Straße und ab in Richtung Nordbahnhof. Dort soll die Übergabe stattfinden, wenn sie denn stattfindet. Wir haben da so unsere Zweifel, was sich in diversen schwarzen Prognossen wie „no car“ oder ironisch ausgeschmückten Szenarien, die wir entwerfen, widerspiegelt. Daneben schwingt auch immer eine Portion Hoffnung mit, denn wir glauben ja schließlich an das Gute.

Vor dem Hotel ist schon ordentlich Leben. Xi’an ist schon längst erwacht und so gibt es einiges zu schauen. Am meisten fasziniert mich dabei der „Verteilpunkt für eilige und wichtige Kuriersendungen“! Mitten am Gehsteig liegen zu Haufen drapierte Päckchen und Versandbeutel diverser internationaler Kurierdienste, daneben eine lange Reihe dieser kleinen Dreiradmopeds mit Kofferaufbau hinten drauf, die dazugehörigen Fahrer wühlen sich durch die Haufen, auf der Suche nach Sendungen, die auf ihrer Route liegen und die sie zustellen müssen. Wenn mach einer der Nadelstreifen tragenden Herren jetzt sehen könnte, wo sein, in Europa oder Amerika von einem uniformierten, vertrauenswürdigen Herren übernommenes Paket letztendlich landen würde bzw. wie die Endzustellung aussieht, er würde sich die Rolex vom Arm reißen. Bei letzterer handelt es sich dabei hoffentlich um ein Original und nicht um ein Erzeugnis des Landes, durch das wir gerade streifen.

Schade dass ich den Anblick des Verteilpunktes nicht im Bild liefern kann, aber bei der Masse von emsigen Menschen die ihrem Alltagsgeschäft nachgehen, war mir fotografieren dann doch etwas zu aufdringlich.

Dafür gabs etwas weiter die anmutige Tanzvorführung einer Betriebskampfgruppe, pardon, einer Belegschaft beim Morgensport! Angedenk meiner durch tägliches sitzen arg strapazierten Bandscheiben sollte ich mal darüber nachdenken, diese sinnvolle Errungenschaft der asiatischen Arbeitswelt auch bei uns einzuführen.



Kollektiver Morgensport am Straßenrand.





Aber wir sind ja nicht zum Spaß hier, also nichts wie ab in die U-Bahn und auf zum Bahnhof. Dort angekommen stellt sich die Frage: Wo warten? Auf der Buchung konnte man zwar Abholorte auswählen, aber näher beschrieben waren die meeting points nicht. Wir folgen daher dem guten Menschenverstand, so meinen wir zumindest, und platzieren uns am Ende des Verbindungstunnels von Bahnhof zu Tiefgarage. Das nicht weit von dort Waschboxen verschiedener Autoverleiher sind, bestärkt uns nur in unserer Wahl.

Da warten wir nun und halten bei jedem Auto das auftaucht und das vielversprechend aussieht, unsere Handys in die Höhe. Warum? Nil warf gestern Abend noch die Frage auf, wie uns denn der Überbringer erkennen könne. Und er lieferte auch gleich die Lösung dazu. Wir fotografieren das AVIS Logo und halten dann die Handys in die Luft. Geht auf den Akku, ist aber sonst genial.

Doch auch diese glorreiche Idee hilft nichts, wenn niemand auftaucht. Schon sind wir 10 Minuten über die Zeit und leichte, gaaaaanz leichte Nervosität beginnt sich auszubreiten. Seit Beijing ist uns durchaus klar, dass ein online abgemachter und bestätigter Treffpunkt in diesem Land noch lange nicht bedeuten muss, dass man dort auch jemanden trifft. Während sich David immer mal wieder entschuldigt und das Weite sucht, wandere ich mal die Tiefgarage ab, ob ich irgendwo jemanden stehen sehe. Vielleicht gibt es ja nicht nur Wasch- sondern auch Übergabeboxen. Nein, nichts da! Also wieder zurück zu Nil. 20 Minuten sind rum!

Jetzt, da uns vom Handy hoch halten und Einschaltknopf drücken schon die Finger und das Handgelenk weh tun wird David zum Dienst am Telefon heran gezogen. Er ist gerade mal wieder anwesend, sieht aber irgendwie nicht groß fit aus. Oder ist es nur die Beleuchtung in dieser Garage? Egal, wichtiger als die Ausleuchtung ist der Handyempfang, hier mitten in der Stahlbetonwüste. Der ist gelinde gesagt besch…., reicht aber gerade so, dass David ins Xi’aner Büro von Avis telefonieren kann. Und welch Wunder, er hat gleich eine Dame in der Leitung die Englisch spricht, und zwar eines von der Sorte, dass man auch versteht. Schnell ist geklärt was unser Problem ist und genauso schnell, wie es entstanden ist. Nein, man hat unsere Reservierung nicht ……. vergessen *puh* und auch der Fahrer ist am Bahnhof, nur wartet er irgendwo vor der Haupthalle. Es sei aber kein Problem, in fünf Minuten wäre er bei uns. Heißt das jetzt es läuft? Wäre ja zu schön um wahr zu sein.

Es dauert vielleicht sieben Minuten, aber wir sind ja nicht kleinlich, *grins* was sind sieben Minuten schon im Vergleich zu den sieben Tagen die wir jetzt wegen eines Autos herum tun, bis ein schwarzer VW langsam um die Ecke biegt. Der junge Fahrer hält Ausschau, parkt das Auto und kommt auf uns zu. Handy-Einsatz: Avis blink! Ahhhhh! Kontakt hergestellt. Moderne Technik eben!

Am Auto angekommen zücken wir routiniert alles was wir so an Karten und Dokumenten haben: Reisepass mit Visum, Deutschen/Schweizer Führerschein, Chinesischen Führerschein, Kreditkarten, Impfzeugnis, Beichtzettel, Einkaufsliste…… kurz einfach alles was irgendwie relevant sein könnte. Er nickt freundlich und fotografiert alles sorgsam mit seinem Handy ab. Sieht so aus als würde es endlich laufen, aber nur nicht zu früh freuen! DRIVER LICENSE? Da ist sie!!! Urplötzlich hängt diese k.o. Frage im Raum. Wie aus dem Nichts kommend. Hatte er denn die nicht gerade fotografiert? Geht die ganze Geschichte nun auch hier wieder los. Fast schon flehend halten wir die beiden Karten hoch, und er? Er macht was, was bisher noch kein Chinese freiwillig getan hat. Wenigsten keiner den wir bislang getroffen haben! Er nimmt meinen Führerschein, und liest! Ja, tatsächlich, er liest!!! Unaufgefordert! Und er erkennt was darauf steht „Operation of rental car only“, nickt wohlwollend und gibt uns die Papiere wieder zurück! Das Leben könnte so einfach sein.

Jetzt geht’s einmal rum ums Auto, km-Stand aufgeschrieben, Vertrag unterschrieben und wir schweben auf einer Wolke der Glückseeligkeit. Haben mit diesem einen Moment alle Anstrengungen der letzten Tage, alle Zweifel, aller Ärger ein Ende gefunden? Sollte es wirklich wahr sein? Würden wir wirklich gleich diese Tiefgarage mit unserem eigenen Leihwagen verlassen können?

NEIN!!! Die Kreditkarte funktioniert nicht! *uääääää!* Erst scheitert der Versuch mit meinen, dann versagen auch Nils kläglich. Die von David versuchen wir gleich gar nicht mehr. Aus, Ende, nichts geht. Statt eines netten, freundlichen Belegs spuckt das tragbare Kästchen immer nur Fehlermeldungen aus. Es ist nur mehr zum Verzweifeln. Wir waren doch so knapp davor, soooo knapp!

Bedauern schwingt in der Stimme des jungen Mannes mit, der sich nun dafür entschuldigt, dass die Zahlung nicht abgewickelt werden kann. Dann fügt er fast schüchtern die Frage an, ob es uns etwas ausmachen würde, mit ihm ins Stadtbüro zu fahren. Dort würde es bestimmt funktionieren, so meint er. Gut, was solls. Zu verlieren haben wir eh nichts und so besteht immerhin ein kleines bisschen Hoffnung, dass am Ende noch alles gut wird. So verlassen wir tatsächlich in dem schmucken, schwarzen VW sitzend die Tiefgarage, aber anders als wir es uns erwartet und erhofft haben.




An allen Ecken und Enden wird an U-Bahnstrecken gebaut. Muss auch sein, will man das ambitionierte Vorhaben verwirklichen und wie geplant, binnen kürzester Zeit das U-Bahnnetz verdreifachen.


Groß ist dieses Xi’an, sehr groß. Wie fast alle Städte in China. Und der Verkehr ist auch hier nicht von schlechten Eltern. So zieht sich die Fahrt eine kleine Ewigkeit, und da unser Fahrer kaum Englisch kann, verläuft sie recht ruhig. Immerhin gibt es draußen genug zu sehen, von moderner Architektur über U-Bahnbaustellen hin bis zu einer Zustellung von Kesselwagen. Mitten durch die Stadt läuft das Anschlussgleis, parallel zur Hauptstraße. Es endet in einem schon älteren Komplex, der ganz eng umstanden wird von vielgeschossigen Hochhäusern. Nicht auszudenken, wenn hier einmal etwas hoch geht! Man möchte auch gar nicht wissen, welche Chemikalien in den Kesselwagen schwappen.

Nach fast einer Stunde sind wir am Stadtbüro angekommen. Gut, jetzt wissen wir also auch wo es ist. Gestern hatten wir ja vergeblich danach gesucht. Vor dem Gebäude ein mit Schranke gesicherter Parkplatz. Ein kurzer Gruß ans Personal im Häuschen und der Schlagbaum hebt sich. Unscheinbar und klein ist das Avis-Büro. Eine Tür, ein bodenhohes, gleich breites Fenster, dahinter ein Tresen, ein kleiner Schrank, Stuhl, Computer, recht viel mehr hat es nicht. Und eine junge, hübsche und lächelnde Mitarbeiterin! Moooooment?!?!? Lächelnde Mitarbeiterin??? Bei einer Autovermietung??? Schnell nochmal raus gelaufen und aufs Schild geschaut, ne kein Zweifel. Und auch die Aufkleber mit dem Logo im Raum bestätigen es: Wir sind in einer Autovermietung!

Mittlerweile sind Nil und die junge Dame schon eifrig beschäftigt, eine Kreditkarte wird gereicht, durch den Kartenleser gezogen, Sekunden vergehen, die sich eher wie Stunden anfühlen *ratatatata* mit dem süßesten aller denkbaren Geräusche schiebt sich der Beleg hervor *ratsch* abgerissen, auf den Tresen gelegt, unterschrieben……. jetzt noch die Buchung für das deposit *ratatatata* selbes Prozedere, als wäre es das einfachste von der Welt! Und immer mit einem Lächeln! Mami, hier will ich bleiben, hier ist es schön!




Der historische Augenblick! Nach sieben Tagen setzt Nil seine Unterschrift unter das Dokument, was unsere Leiden beendet! Den Buchungsbeleg! *hurra* Wir haben ein Auto!




Ich bewege mich nur mehr wie in Trance. Mit ungläubigem Staunen folge ich den anderen hinaus auf den Hof. Autoübergabe! Es ist wirklich wahr!

So, und was glaubt ihr wird dabei zuerst kontrolliert? Neeee, ihr kommt nicht drauf! Wenigstens jetzt nicht, vielleicht am Ende der Berichtsserie, aber nicht jetzt! Nein, nicht der Blinker, die Lichter, km-Stand, Tankfüllung, Kratzer ….. alles Dinge die man sich normalerweise so ansieht, sondern: DIE HUPE!

Ich habe, ob nun beruflich oder privat, schon unzählige Leihwagen übernommen, aber noch nie, wirklich niemals, hat irgendjemand die Hupe kontrolliert! Aber in China ist dass das wichtigste Teil am Auto. Blinker, nicht wirklich, man weiß wo man hin will. Bremsen, auch nicht, den man will ja fahren und nicht bremsen. Sicherheitsgurte, auch nicht, denn Sicherheit ist ein Fremdwort auf Chinas Straßen. Aber die Hupe, Leute die Hupe löst alle Probleme. Oder senkt zumindest kurzfristig den Blutdruck des Hupenden.




Da steht er in seiner ganzen Pracht. Unser VW Santana. Was werden wir mit ihm wohl alles erleben?





Dann beginnt der übliche Tanz ums Auto. Ein Kratzer hier, einer da. Alles wird penibel notiert. Ordentlich freundlich, aufmerksam. Tank ist voll, Werkzeug und Reserverad im Kofferraum. Boah ist der groß. Da passen unsere drei Koffer sicher rein. Hier die Schlüssel, ein Händeschütteln, Gute Fahrt und los geht’s! Cool!

Nur nicht weit. Denn an der Schranke kommen wir nicht mehr vorwärts. Man versucht uns irgendwas klar zu machen. Wir versuchen zu erklären dass wir von Avis kommen. Man deutet an wir müssten ein Kärtchen ins Häuschen reichen zum Bezahlen, wir revanchieren uns mit hin gehaltenem Avis Vertrag. Dies wird gekontert mit Zeigen eines Kärtchens, wird reichen Geld hinaus, aber ohne Kärtchen kann man nicht bezahlen. Vorschrift! Irgendwie droht sich das Ganze zu einem toten Rennen zu entwickeln, dann siegt doch der klare Menschenverstand und die Freundlichkeit. Man sieht ein, dass wir in diesem Leben keinen gemeinsamen sprachlichen Nenner finden werden, lacht herzhaft und öffnet die Schranke. Wir sind frei, und auf Chinas Straßen!

Die sind voll, wir auf unbekannten Terrain, und so fällt das Lotsen mittels Tablet nicht leicht. Ich habe den Part übernommen, da unser sonst bewährter Chefnavigator ganz unüblich auf der Rückbank Platz genommen hat. Da er auch verdächtig still ist, während Nil und ich, langsam uns unseres Glücks bewusst werdend, auf den Vordersitzen herumalbern, geht die Frage nach hinten: „Geht’s dir nicht gut?“ Das nein, und die angeschlossene Erklärung, dass wohl Teile des Qualtitätsfrühstücks von heute Morgen nicht ganz den Standard entsprochen haben und danach trachten den Körper schnellstmöglich wieder zu verlassen, senkt die Stimmung wieder etwas. Dass es durch den dichten Verkehr einer Großstadt nur schleppend voran geht, verbessert die Situation nun auch nicht wirklich.



Kurz vor dem Start! In 33 Sekunden wird die Meute wieder zum Sprung ansetzen.





Im Hotel angekommen, zieht sich David sofort zu einer sehr privaten, aber dafür äußerst geräuschvollen Sitzung zurück, und lässt uns etwas ratlos stehen. Ei, ei, ei, das schaut nicht gut aus. Jetzt haben wir zwar ein Auto, aber auch einen Krankheitsausfall. Aschfahl kommt er zurück und wirft sich sofort aufs Bett. Zeit zu mir rüber zu gehen und in die Reiseapotheke abzutauchen. Was zum stopfen, was für die den Wiederaufbau, was für den Kreislauf, alles dabei. Derweil taucht Nil im Türrahmen auf und sagt, David meint wir sollen uns vom Acker machen. Er wolle sowieso nur noch schlafen und da bräuchten wir nicht herum zu sitzen. Hm, so richtig wohl ist uns nicht bei der Sache. Aber er ist sehr bestimmt, so wie man es in seinem Zustand halt sein kann. Also wird er noch mit allem nötigen versorgt, Medizin, Getränke, Kekse und so, und dann richten wir uns zu unserem ersten Ausflug. Anders als gedacht und erhofft.

Über das Ziel sind wir uns schnell einig. Wenn man schon in Xi’an ist, dann muss es auch die Terrakotta-Armee sein. Das müssten wir zeitlich hin bekommen. Es ist mittlerweile zwar schon Nachmittag, aber bis an das Gelände kommt man laut Karte durchgehend über Autobahnen. Laut Karte….. und nur laut Karte. Denn die Realität sieht, wie wir noch desöfteren feststellen müssen, dann doch meist anders aus. Erstmal läuft es gut. Wir sind bald auf dem Autobahnring, der Verkehr ist mäßig und alle fahren weitgehend gesittet. Wobei wir schon merken, dass Geschwindigkeitsvorgaben meist äußerst verwirrend angeschrieben sind und sich wohl deshalb die meisten Chinesen nicht dran halten. Man ist entweder deutlich langsamer oder schneller unterwegs.

Egal, wir rollen entspannt dahin. Lustig ist es noch, als wir an einem Autobahnkreuz vorbei kommen, dass laut Tablet bereits besteht, sich in der Realität aber noch im Bau befindet. Unlustig wird es spätestens in dem Moment, in dem wir im Osten von Xi’an merken, dass die weiterführende Autobahn, ebenfalls auf der Karte eingezeichnet, gesperrt bzw. auch nicht existent ist. Da ist es vorbei mit dem relaxten cruisen! Es beginnt das rollende oder stehende, auf jeden Fall wie wild hupende Grauen!

Auf einer meist dreispurigen Auswahlstraße quält sich ein unendlicher und unüberschaubarer Strom von Fahrzeugen aller Art aus der Stadt und in Richtung Lintong. Kreuz und quer, wild drängelnd und die Spur wechselnd, den kleinsten Vorteil ausnutzend, so sucht jeder der Blechdompteure eine Möglichkeit schneller als die anderen voran zu kommen. Einzig und allein mit dem Erfolg, dass keiner so wirklich vorwärts kommt. Es ist einfach nur nervig. Find ich! Nil sieht das anders und hat wie gewohnt so seinen Spaß! Na gut, ihm das Stadtgewühle, mir mehr das off road. So hat jeder von uns seine Vorlieben!

Ich genieße derweil vom Beifahrersitz aus den Programmpunkt „Land & Leute“ und kann in aller Seelenruhe, nur durchbrochen von gelegentlichen Zuckungen wenn wieder gerade einer ansetzt uns zu rammen, durchs offene Fenster fotografieren.




Granatapfel gefällig? Wie gesund allerdings das Obst hier in Straßennähe ist, sei mal dahingestellt. Wer Mangelerscheinungen bei Blei, Stickoxyden, etc. hat, kommt aber sicherlich auf seine Kosten!







Autowaschanlage mit angeschlossenem Ruhebereich! Ob letzterer für die Kunden oder die Belegschaft ist, ließ sich trotz des mäßigen Tempos in dem wir den Dienstleister passierten nicht ermitteln. Die Angestellte zog es aber offensichtlich vor auf dem Stuhl im Schatten zu warten.





Bei der Fahrweise der Einheimischen und dem Verkehrsaufkommen sicherlich kein schlechter Standort für eine Autowerkstatt! Näher am Bedarf geht nicht.





Zugegebener Maßen nervt die Zockelei dann doch irgendwann, verrät doch der 20-sekündige Blick auf das Tablet, dass wir unserem Ziel kaum näher kommen. So verrinnt die Zeit und wir hätten doch gerne nach den Lehmkumpels noch ein bisschen Eisenbahn abgelichtet. Trost spendet die Tatsache, dass es mit dem Bus auch nicht schneller gegangen wäre. Auf der ganzen Route ist er nämlich, trotz wilder Fahrmanöver, knapp vor oder sogar hinter uns.




Täuscht das oder sieht die Gewerbebebauung in den meisten Teilen der Welt gleich aus? Mitteleuropa jetzt mal ausgenommen.






Eins steht fest, mit diesen Vehikeln wären wir deutlich schneller vorangekommen. Und mit der Ladefläche hinten böten diese „Mini-Pickups“ sogar noch den ersehnten, erhöhten Fotostandpunkt.





Endlich haben wir Lintong hinter uns gelassen und nähern uns dem Areal mit den Ausgrabungen. Ströme von Touristen sind hier unterwegs. Und wie schon in Beijing, so zeigt es sich auch hier, fast durchweg Chinesen, die ihr eigenes Land und ihre eigene Kultur ergründen. Sollte man sich vielleicht mal eine Scheibe abschneiden.

Trotz der Maße an Menschen und Fahrzeugen finden wir mühelos einen Parkplatz, gleich nahe am Eingang, und werden sofort, als wir uns diesem nähern, ins Visier von hilfreichen Damen genommen. Nein, nicht DIE Art von hilfreich. Es sind Touristenführerinnen, wie wir von der Englisch sprechenden Dame unaufgefordert erfahren. Sie ist sehr „rührig“ und lässt sich auch durch unsere Beteuerungen das Gelände selber erkunden zu wollen nicht abschütteln. Wortreich erklärt sie uns, dass ein Besuch ohne Führer ja absolut sinnlos wäre, da wir ja gar nichts erfahren würden. Wir wollen ja auch eher kucken und haben keinen Bock im Takt der Dame durch Gelände gescheucht und mit Daten vollgepumpt zu werden. Dazu ist es viel zu heiß. Erst am Kassenhäuschen gibt sie auf und wendet sich anderen potentiellen „Opfern“ zu.

Wir schlendern derweil unter der glühenden Sonne durch das Gelände, welches doch gewaltige Ausmaße hat. Durch diverse Schleusen, an denen wir immer wieder aufs Neue unsere Eintrittskarten einlesen lassen müssen gelangen wir zur großen Halle. Dorthin wo der Hauptteil der Armee steht.

Ein kleiner Tipp zu Beginn. Macht nicht den Fehler und stürzt euch gleich hinter dem Eingang in die Massen um den Blick zu haben, den man aus den Medien zur Genüge kennt. Einmal kurz runter schauen, wirken lassen und gut ist. Nehmt euch lieber die Muse, links oder rechts seitlich entlang zu schlendern, zu verweilen und sich in Ruhe die Details der einzelnen Figuren anzuschauen und die Gewaltigkeit der ganzen Aufstellung in Euch aufzunehmen. Denn ist man erst aus der Horde der Selfiesüchtigen heraußen, hat man „relativ“ Ruhe. Gut so viel Ruhe wie man halt zwischen 10.000 Chinesen hat, die im Minutentakt durch die Anlage gespült werden. Aber egal was um einen herum passiert, was hier langsam unter kundigen Händen wieder der Erde entsteigt ist einfach nur grandios!




Es stimmt! Keine Figur gleicht der andern. Alle unterscheiden sich in Haltung, Gesicht und Details. Eine schier unglaubliche Leistung der Menschen damals.





Im hinteren Teil der großen Halle stehen wieder zusammengesetzte Figuren an der Oberfläche. Unter ihnen befinden sich noch Kameraden, die auf ihre Befreiung aus der Erde warten.






Es ist wirklich unglaublich. Keiner gleicht dem anderen!





Da die Armee Krieger der verschiedensten Waffengattungen umfasst, dürfen bei der Reiterei natürlich auch die Pferde nicht fehlen.






Während einige Figuren komplett und unversehrt sind, existieren von anderen nur mehr Trümmer.





Blick in den vorderen Bereich. Hier sind die meisten Krieger und Pferde ausgegraben und wieder hergestellt.






Zentraler Blick von vorne. Im Vordergrund die langen Reihen der Soldaten, dahinter sieht man Wissenschaftler bei den aktuellen Garbungen.





Langsam umrunden wir die Halle und eine Unzahl Bilder entstehen. Ich würde am liebsten Stunden hier verbringen, um ja nur kein einziges der Details zu übersehen. Doch irgendwann ist gut und wir gehen durch eine der vielen Seiteneingänge nach draußen. Durch den glühenden Nachmittag geht es in die beiden anderen Hallen, die neueren Datums sind und ebenfalls ausgegrabene Krieger enthalten. Hier ist es deutlich dunkler als in der großen Halle. Dafür gibt es in Vitrinen komplette Figuren und viele Kleinteile zu bestaunen.




Blick in die Grube in einer der beiden neueren Hallen.






Einige der Figuren hat man in Vitrinen ausgestellt, damit man sie in ihrer ganzen Schönheit und Faszination bewundern kann.





Wieder draußen vor der Tür schlendern wir langsam in Richtung Ausgang, uns darüber unterhaltend, was die Herrscher früherer Zeiten ihren Untertanen so alles abverlangt haben, nur um mit möglich viel Prunk und Pomp aus dem Leben zu scheiden, hinüber zu gehen in eine andere Welt. Und doch konnten sie unser aller Schicksal nicht entgehen, nämlich zu Staub zu zerfallen und wieder in den Kreislauf einzutreten, aus dem der Mensch dereinst entstanden ist.

Aber sie haben uns immerhin etwas hinterlassen, was wir noch Jahrhunderte oder gar Jahrtausende später bestaunen und bewundern können.

Und, sie haben den Menschen im Heute die Gelegenheit gegeben, anderen Menschen die wohlverdienten Spargroschen aus der Nase zu ziehen. Und so müssen auch wir durch ein im Aufbau befindliches „Disney Land“, eine Ladenpassage die sich als Altchinesisch getarnt hat und die, neben verschiedenen Fressbuden und Fast-Food-Restaurant, eine Unzahl von Nippesläden beherbergt, in denen kleine Tonkrieger aus Kunststoff und Blech, irgendwie ein Anachronismus, und sonstige Staubfänger zu guten Preisen angeboten werden.

Wir bleiben unbeeindruckt, lassen alle Auslagen links und rechts liegen und werden nur bei einem Lebensmittelladen schwach, denn der Vorrat unserer Getränke ist nämlich aus. Im Auto hätte es zwar noch etwas, aber da das seit geraumer Zeit in der prallen Sonne steht, könnte man mit dem darin befindlichen Wasser mühelos Tütensuppen aufbrühen. Erfrischung bringt es allerdings keines mehr. Also herzhaft aus der Kühltruhe bedient und erfrischt weiter geschlendert. Das ebenfalls angebotene Eis lassen wir dann nach einigem Überlegen doch lieber sein. Wir wollen nun auch nicht auf Biegen und Brechen das Schicksal Davids teilen.

Zudem haben wir es jetzt ein bisschen eilig. Nach mittlerweile fast zwei Tagen ohne Eisenbahnbild, sind wir deutlich auf Entzug. Und da hier der große Rangierbahnhof von Lintong direkt vor unserer Nase liegt, sollten die Chancen hier schnellstmöglich Abhilfe zu schaffen auch nicht so schlecht sein. Wenigstens haben wir es uns so vorgestellt. Im hier und jetzt sieht es aber wie so oft anders aus.

Problem 1: Die Sonne wohnt um die Tageszeit auf der anderen Seite des riesigen Areals!

Problem 2: Man kommt nirgends so richtig an die Gleise, und drüber erst recht nicht!


So haben wir das riesige Gelände, dass mit seinen unzähligen Gleisen, Verbindungsstrecken, Kehrschleifen, etc. jeden Modellbahner die Freudentränen in die Augen schießen lassen würde, fast schon passiert, bis ein kleiner Feldweg hin zu den Gleisen die Erlösung zu bringen scheint.

Gut dass wir gerne mal mit offenen Fenster unterwegs sind, den Fahrtwind genießen und auf die Klimaanlage pfeifen. Andernfalls hätten wir nämlich das sonore Wummern eines schweren Diesels und das Achtungssignal gar nicht gehört. Nil drückt aufs Gas, staubend geht’s auf dem Sandweg bis zu einer Brücke und während er schliddernd zum Halten kommt, springe ich schon aus dem Auto und bin mit einem beherzten Sprint am Brückenkopf!




Mit tiefem Grummeln nähert sich HXN5 0594 dem Gelände des Rangierbahnhofs von Lintong. Am Haken hat sie noch eine weitere Vertreterin dieser der Evolution Serie entstammenden Baureihe, sowie drei moderne Elloks.
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Zugegeben, ein Foto von der Schattenseite ist nicht besonders prickelnd und ich habe mich auch ein bisschen geärgert, warum ich nicht ordentlich Gas gegeben habe beim Laufen um die Brücke komplett überqueren zu können. Im Nachhinein muss ich aber feststellen, dass meine Faulheit ein Glücksfall war. Vom anderen Brückenkopf hatte man nämlich überhaupt keine Sicht mehr auf die Gleise und da links und rechts hohe Eisengitter das Fotografieren von der Brücke herab unmöglich machten, wäre dieses Bild nie zustande gekommen.

So ist es das einzige Eisenbahnbild des Tages, das einzige, das kann ich schon mal vorwegnehmen, mit einer Lok der Reihe HXN5 und quasi die Markierung für das Ende der eisenbahnlosen Zeit. Sowohl für die Fotografen, als auch für die Leser dieses Berichts!

Der Rest des Tages ist nun schnell erzählt. Verzweifelt versuchen wir in dem kurzen Zeitraum, in dem wir noch Licht haben, eine Fotostelle zu finden. Fahren zu diesem Zweck noch über die Landstraße bis nach Weinan, werden dort Zeuge, wie ein Unfall mit einem Roller in eine Schlägerei ausartet, und machen zu guter Letzt noch zwei maximal als Notschüsse zu bezeichnende Bilder. Zurück geht’s ein Stück über die Autobahn, die aber nach wenigen Kilometer abrupt hinter dem Rangierbahnhof von Lintong endet. Während oben eine bunte und recht neu anmutende Diesellok hämmernd eine lange Wagenschlange verschiebt, holpern wir über den Autobahnzubringer, der alles nur nicht diesen Namen verdient, zurück in die Stadt, kämpfen uns durch ein verstopftes Lintong, nur um mehr als eine Stunde später 20 km weiter endgültig im Verkehrsgewühle festzustecken. Da hilft nur noch eins, quer durchs Quartier. Kaum von der Hauptstraße runter wird es schlagartig ruhiger, wir rollen zwar langsam aber beständig durch Xi’an und mir gelingt es, Chefnavigator David gut zu ersetzen. Den finden wir in unveränderten Zustand auf dem Zimmer liegend. Leider hat der Schlaf keine Besserung gebracht. Der Flüssigkeitsverlust tut sein Übriges.

Hilft nix, aber wir müssen nochmal raus. Getränke besorgen und für uns selbst was in die Mägen. In einem Nudelschuppen etwas weiter vom Hotel fallen wir gegen halb neun ein und lernen gleich unsere nächste China-Lektion! Wenn ein Geschäft oder Lokal um 21.00 Uhr schließt, dann schließt es auch um 21.00 Uhr. D.h. im Klartext, um halb neun ist schon die Küche geputzt, die Belegschaft sitzt um fünf nach halb neun bereits zusammen und isst gemeinsam zu Abend, spätestens 10 vor neun werden Schilder und der Elektroroller in den Gastraum gestellt und um neun ist alles dunkel, abgesperrt und schon weit und breit niemand mehr zu sehen. Und da kommen nun wir beiden Langnasen herein und begehren um halb neun noch eine volle Auswahl von der Karte??? *lach*

Durchaus höflich und freundlich macht man uns klar, dass wir wohl noch etwas haben könnten, hält sich dabei aber an den Leitsatz des seligen Herrn Ford: „Von mir kann jeder sein Auto in der Farbe haben die er möchte, Hauptsache es ist schwarz!“. Umgelegt auf die Nudelbude: Wir bekommen ein Gericht gezeigt; dass gibt’s oder sonst keins.

Gut! Wir willigen ein. Denn zum einen haben wir Hunger, der Hunger treibt’s rein, der Ekel runter, zum anderen sieht es alles andere als ekelig aus. Und schmecken tut es dann sogar noch viel, viel besser.

Bier gibt’s auch dazu und Gläser. Letztere extra gespült und daher warm, was uns veranlasst, trotz der netten Gesten den kühlen Gerstensaft doch lieber aus der Flasche zu trinken. Während wir uns langsam durch den äußerst schmackhaften und sehr sättigenden Eintopf aus Gemüse, Nudeln und Fleisch kämpfen, stellen wir spätestens beim Erreichen der Schicht Hackfleisch Betrachtungen über Magennerven, allgemeine Hygiene und der Wahrscheinlichkeit an, noch heute Nacht Davids Schicksal zu teilen. Um es aber gleich vorneweg zu nehmen, das Essen war nicht nur lecker, es war auch sehr bekömmlich. Ein rundum gelungener Besuch, nur dass ständige festkleben an den Tischen in chinesischen Gaststätten nervt dann doch ab und an.

Aufheiternd war das Interesse der versammelten Küchenmannschaft die neben uns speiste. Unser Bekunden das es schmecken würde und ihr Interesse an diesen komischen Vögeln, welches in diversen Handybildern gipfelte, sorgten zusätzlich für Stimmung.

Und nachdem besagter Rollen an uns vorbei in den Gastraum geschoben wurde, wussten wir auch, dass es Zeit war zu gehen! Kurz nochmal beim 24 Stunden Shop vorbei geschaut, Getränke gekauft und dann unseren Kranken besucht.

Jetzt liege ich auf meinem Zimmer, lass den Tag und die erste Woche der Reise nochmal Revue passieren und spüre deutlich wie anstrengend alles war! Aber hallo, unten vor dem Hotel steht ein Auto und der Schlüssel dazu liegt vor mir auf dem Schrank! Ab morgen geht es endlich auf Tour! Vorausgesetzt David wird fit. Um ihn mache ich mir schon etwas Sorgen.

Und so ist der Plan für den nächsten Tag auch recht einfach: Schauen wie es David geht und dann entscheiden was machen!

Aber egal wie, es geht vorwärts! Endlich gibt es Eisenbahn! Eisenbahn aus dem ganz normalen Alltag, auf ganz normalen Strecken. Ein Stück China, wie man es eher selten sieht in den Bildberichten. Und darauf bin ich gespannt!

Ein gutes Gefühl beim Einschlafen!