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Unterwegs mit den Herren Bei Ho Thsai und He Fu Bao - Teil 9

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Mittwoch, 26.08.2015


Ja, es stimmt schon! Eigentlich hatte ich es bei der Bundeswehr anders gelernt! Nie ein Fahrzeug am Abend unbetankt abstellen. Aber an uns war es ja nicht gelegen. Ebenso wie bei der Sache mit dem Bargeld. Waren beim Sprit einfach keine Tankstellen in der Umgebung zu finden, gabs Geldautomaten zwar en masse, die wollten uns aber allesamt kein Geld geben.

Nun sind die Beschaffung von Benzin und Barem also die ersten Aufgaben des heutigen Tages. David hat sich gesund gemeldet und signalisiert, dass er zwar noch etwas wacklig auf den Beinen ist, aber ansonsten recht fit. Respekt! Nachdem wie er die letzten beiden Tage beieinander war, ist das jetzt schon eine Leistung sich wieder ins Getümmel zu werfen, sprich auf Tour zu gehen. Aber er will halt auch endlich raus und los.

Die Straßen sind erfreulich leer als wir vom Hotel in Richtung Flughafen aufbrechen. Denn da wollen wir hin. Getrieben von der Überlegung, wenn uns schon kein Geldautomat hier in der Stadt was geben will, bleibt als einzige Option ein Automat im internationalen Terminal des airports. Warum? Erstens, wo sollte ein ankommender Besucher aus dem Ausland sich sonst mit Yuan versorgen können, zweitens, in Beijing am Flughafen hat es auch geklappt.

Zuerst mahnt aber unser Auto unmittelbar nachdem der Zündschlüssel gedreht wurde mit einem kräftigen *PIIIIIIEP* einen Tankstopp an. Gut, wir wollen es uns ja mit unserem fahrbaren Untersatz nicht verscherzen. Schließlich haben wir die nächsten Tage ja noch so einiges vor mit ihm. Da sollte es uns schon gewogen sein. Und so erfüllen wir seine Grundbedürfnisse nicht lange danach an der ersten Tankstelle die wir sehen. Und unsere gleich mit! Jede Menge Wasser, schwarze Blubberbrause und Knabberzeugs in den Varianten süß, salzig und Gummi, wandert in Kofferraum und Fond. Fürs erste sind wir gerüstet. Dafür aber auch pleite!

Übrigens, beim Stopp an der Tanke sind wir sofort das Thema Nummer 1. Die Reaktionen gehen von ungläubigen Staunen bis zu herzhaften Gekicher. Wenigstens unter den zahlreichen weiblichen Bediensteten. Es bereitet uns gleich darauf vor, was wir in den kommenden Tagen/Wochen immer wieder erleben werden:

Langnasen…..schon ungewöhnlich

Langnasen die irgendwo in der Provinz aus einen Auto krabbeln……schon einmalig

Langnasen die selbständig mit einem Auto unterwegs sind…..einfach nur unfassbar!


Wären wir grün oder behaart und vom Melmac, die Verwunderung über unser Erscheinen könnte nicht größer sein. Verdrehte Hälse an Mautstationen oder von Passanten, gegenseitiges anstubsen und aufmerksam machen, Gesichtsausdrücke von erstaunt bis belustigt, das wird uns die nächste Zeit begleiten. Und so wollen auch wir nicht untätig sein und dichten gleich die bekannte deutsche Volksweise

„Drei Chinesen mit dem Kontrabass……“ um auf

„Drei Lang-nasen mit dem San-ta-na……“ *sing*

Versucht es! Es funktioniert!


Nächster Halt: Flughafen! Ich glaube hier waren wir schon mal *grins* So vor drei Tagen. Damals noch per pedes, heute stolz wie Oskar mit dem Auto. So stolz, dass Nil gleich mal alle Parkplätze ignoriert und einen Platz direkt im Abholbereich entert. Elegant zwischen Taxis in eine Lücke gekurvt und uns entlassen, mit dem Hinweis wir sollten uns beeilen, er würde hier solange warten. Hier?!?!? Gut, er ist der Fahrer, er muss es eventuell dem nächsten vorbei kommenden Uniformträger erklären. Wir tauchen auf Automatensuche ab. Jetzt kommen uns unsere Ortskenntnisse von der Begehung am Sonntag entgegen. So braucht es auch nicht lange bis wir die Filiale der Bank of China gefunden und die erste Karte versenkt haben. Und? Alles paletti. Brav spuckt der Blechkamerad Scheine gleich bündelweise aus. Jetzt geht’s im Duett. Der eine am linken, der andere am rechten Automat. Bis ans Limit, mit soviel Karten wie die Dinger schlucken. Wer weiß wohin es uns auf dieser Reise noch verschlägt und wo wir wieder einen spendablen Automaten finden. Die Chinesen hinter uns beobachten mit leichter Verwunderung unsere Bargeldorgie, die erst dann endet, als unsere Geldbeutel zu platzen drohen. Schwupps geht’s im Geschwindschritt wieder zu unserem Wagen. Und ab geht die Post Richtung Autobahn!

Kaum sind wir auf das Betonband eingebogen, jetzt endgültig auf dem Weg „hinaus ins Land“, kommt dieses Gefühl, diese Mischung aus Anspannung, Vorfreude, Neugierde, die mich immer am Anfang einer Tour befällt. Was werden wir erleben, was werden wir sehen, wie wird die Ausbeute sein???

Jetzt erst, nach über einer Woche geht es endlich richtig los! Die Fototour beginnt!

Ziel für heute ist der Talabschnitt zwischen Bao Ji und Tian Shui. Ich hatte da ein Bild gesehen, dass vielversprechend war. Außerdem haben wir uns die Ecke auf der Karte angesehen und sind dabei zum Schluss gekommen, da könnte was gehen.

Aber erst einmal geht es 150 km durch die dunstige Ebene. Teilweise parallel zur neuen Schnellfahrstrecke in Richtung Westen, die in Etappen bereits schon fertig gestellt ist. Westlich von Lanzhou und von Osten her bis Bao Ji rollt schon der Verkehr, dazwischen liegen Berge und hier wird noch eifrig gebuddelt und betoniert.

Die Fahrt verläuft monoton und sie zieht sich. Mittlerweile ist es auch schon wieder schwülheiß und so untätig auf der Rückbank hängend, befällt mich langsam bleierne Müdigkeit. Einzige die teils abenteuerlich beladenen LKW sorgen etwas für Abwechslung.





Kaum vorstellbar, dass er unter der Brücke durchpasst!






Immer wieder versetzt es uns in staunen, wieviel man auf so einen LKW packen kann. Hier sind es sage und schreibe 24 Minitrucks.







Endlich tauchen wir in die Berge ein! Und wir sehen unseren ersten Zug. Ein Güterzug, gezogen von einer Doppellok der Reihe HXD 1.1. Erstaunlich was er für ein Tempo hält. Wir kommen ihm auf der parallel führenden Autobahn kaum näher. Und als wir ihn endlich hinter uns gelassen haben, bremst uns die nächste Mautstelle aus.




Katholische Kirche in den Bergen hinter Bao Ji.





Nun haben wir Blut geleckt und es wird Zeit das wir Kontakt zu den Schienen bekommen. In Yaowan verlassen wir die Autobahn und fahren hinein ins Tal des Weihe, eines Nebenflusses des Gelben Fluss. Kaum ist die Strecke in Sicht, lässt sich auch wieder der Zug blicken. Ein beherzter Sprint und schon stehen wir parat für das erste Bild.




Eine Doppellok der Reihe HXD 1.1, genauer die 11039, zieht einen langen Güterzug in Richtung Westen.





Licht? Naja, so urgs! Aber die Stelle ist schön. Die sollte man sich merken. Von hier aus hat man einen schönen Blick auf das Tal und die Strecke. Genauer gesagt auf die Strecken! Denn eigentlich sind es zwei! Oder drei! Naja, und wenn man den Kopf etwas dreht, dann eigentlich sogar vier!

Wie jetzt?

Ganz einfach! Es gab hier mal eine Strecke, die später in Teilen neu trassiert wurde. Diese teils neu trassierte Linie wird nun als Richtungsgleis gen Osten verwendet. Die Streckenabschnitte die aufgegeben wurden und heute ohne Gleis sind, kann man meistens noch ganz gut in der Landschaft erkennen, inkl. Tunnel, Brücken und Einschnitten.

Da bei dem enormen Verkehrsaufkommen, schließlich läuft über die Route der meiste Verkehr in den Westen des Landes, eine eingleisig Linie nicht reicht, kam irgendwann noch ein zweites Gleis dazu. Dieses baute man nun aber nicht etwa gleich neben die alte/nicht mehr ganz alte Strecke, nein, man trassierte sie deutlich gerader durch die Berge. Sprich, man folgt nichtmehr direkt dem Flusstal, sondern kürzt mittels Tunnels und Brücken ab. Auf dieser Trasse fahren die Züge gen Westen. Wer sich das obige Bild der HXD 1.1 nochmal genau ansieht, kann darauf hinter dem Güterzug die alte Trasse erkennen, die nach links hinten verschwindet, immer dem Flusslauf folgend. Die zu erkennenden Masten verraten den Streckenverlauf.

Und weil man nun noch nicht genug Linien hier hat, wird jetzt noch die Schnellfahrstrecke dazu gebaut. Zwar meist etwas abseits und in vielen Tunneln versteckt, tritt sie doch ab und an ins Blickfeld, so wie von der aktuellen Fotostelle, wenn man den Kopf einfach nur nach rechts dreht.




Nur ganz kurz kommt die neue Schnellfahrstrecke ans Tageslicht. Zur Zeit noch im Bau, wird sie schon bald die Reisezeit nach Urumqi drastisch verkürzen.





Erste Bilanz! Das sieht gut aus hier, die Stelle muss man sich merken. Da kommen wir wieder her, wenn das Licht richtig rum ist. Nun soll es aber erstmal weiter gehen. Und zwar dorthin von wo ich ein Bild im Netz gesehen habe. Besser gesagt, dahin wo David die Stelle richtigerweise hin verortet hat. Ich hatte nämlich beim ersten Versuch gemeint, sie gut 30 km weiter westlich auf der Karte identifiziert zu haben. Er hat meinen Fehler erkannt, korrigiert und uns dadurch viel sinnlose Fahrerei und verlorene Zeit erspart. Es ist halt doch gut, dass wir unseren Chefnavigator wieder haben! *grins*

Tuoshizhen heißt der Ort und dort beginnt nun die Suche. Den Standpunkt im Gelände, von dem aus das Bild entstanden ist, haben wir nämlich gesichtet, das „wie aber da hin kommen“ bleibt uns allerdings ein Rätsel. Wir versuchen es durch den Ort, verenden da aber irgendwann in den steilen Straßen. Also zurück zur Hauptstraße, da ist eine Sandfläche die sich ideal zum Parken und Inspizieren der Region eignet. Und zum Fotografieren!



HXD 11116, die mit einem schweren Güterzug auf der „alten Neubaustrecke“ in Richtung Westen unterwegs ist. Im Hintergrund die Brücke der „neuen Altbausrecke“ und dahinter, am Berghang noch zu erkennen, die „alte Altbaustrecke“. Alles klar? *grins*






Ein Schwenk mit dem Kopf nach links ergibt diesen Blick. Ganz hinten wieder die Trasse der mittlerweile teilweise aufgegebenen, ursprünglichen Strecke, davor die neu gebaute Linie, die immer wieder in die alte Trassenführung einschwenkt und noch eins davor, die neue Trasse die deutlich gerader durch Gelände geht. Alles landestypisch auf so viele Brücken wie möglich gebaut. Auf dem für Ostfahrer genutzten Richtungsgleis kommen gerade HXD 30913 und 30894 daher. Ein Doppel also aus Maschinen der Reihe HXD3, einer von 2003-2010 gebauten Gemeinschaftproduktion von Toshiba und den Lokfabriken in Dalian bzw. Datong.





Da oben irgendwo im Hang müsste man stehen! Aber wie kommt man da hin. Verschiedene Theorien werden aufgestellt und verschiedene Varianten der Vorgehensweise werden erdacht. Von der, dass man vom Ort aus auf der alten Trasse zurück laufen könnte, über die, dass man von hinten her durchs Gelände und dann einmal über den Berg drüber gehen müsste, bis hin zu, wir könnten doch durch den Fluss waten.

Waaaaas?!?! Alle Köpfe rucken augenblicklich zum Urheber dieser Idee! Ist Ironie in seinem Blick, blitzt der Schalk aus seinen Augen? NEIN! Er meint es bitter ernst. Man könne doch, und es wäre bestimmt nicht tief und soweit wäre das auch nicht und barfuß und…… Jetzt wirklich? Dein Ernst? Mit der vollen Fotoausrüstung durch das steinige Bett eines Flusses dessen Wasser so klar ist wie flüssiger Vanillepudding, und in dessen Fluten u.U. Inhalts- bzw. Reststoffe chemischer oder biologischer Art schwimmen, die man sich nun garnicht vorstellen mag?

Jepp! Er meint es ernst!

Und während ich meine mangelnde Begeisterung für das Vorhaben gleich Kund tue, schwenkt Nummer 2 im Team auch langsam auf meine Argumentation ein und so ist der Vorschlag vom Tisch. Mehr oder weniger jedenfalls. Denn in den nächsten Stunden blubbert die Idee immer nochmal kurz auf. Verschwindet dann aber ganz, als wir letztendlich feststellen, dass von da oben nur während eines kleinen Zeitfensters am Morgen das Licht passen würde. Und dafür den Aufwand? Angesichts unseres Übernachtungsortes um 5.00 Uhr oder so los? Nönö……

Es geht doch auch von hier unten ganz gut. Und wenn wir uns so umsehen, bei der Landschaft sollten uns die Fotostellen nicht ausgehen.




Wie wir noch diskutieren kommt, mit HXD11105 an der Spitze, der nächste Ostfahrer daher.






Während er über die nächste Brücke über den Weihe rumpelt, kommt aus der Gegenrichtung HXD11240 in Richtung Lanzhou daher.






Nil, mittlerweile aufgrund seiner chinesischen sim-Karte im freien Gelände Herr des Fahrplans, gibt das Zeichen für den Aufbruch. Demnächst steht der Block von Reisezügen gen Westen an und dafür sollten wir uns umstellen.

Auf dieser Route kommen die meisten Reisezüge nach Urumqi, Lhasa und so weiter alle innerhalb von gut eineinhalb Stunden. Immer einer brav hinter dem anderen her. In der Gegenrichtung kann man das Schauspiel hier in dieser Ecke gegen spätem Nachmittag erleben. Macht die Sache etwas nervig, denn groß, oder überhaupt, Stellen wechseln ist so nicht drin. Gut, man muss ja auch nicht alle machen, dann wird’s auch nicht so schnell langweilig. Anderseits bietet es den Vorteil, dass man bei wechselnden Lichtverhältnissen so immer eine Chance hat, doch zu einem Sonnenbild zu kommen. Oder zu gar keinem, wie Tags darauf! *urgs*

Jetzt schleppen wir uns aber erstmal bei Jiaochuancun den Berg hinauf. Trotz der Wolken die immer wieder vor die Sonne ziehen ist es drückend heiß. Wird wohl wieder gut über 30° C haben. Da bin ich froh, dass David, die „alte“ Bergziege, heute noch nicht so fit ist. So schleicht wenigstens einer mit mir den Hang gemächlich hinauf. Nil stürmt schon wieder vorne weg. Kein Wunder, er ist ja auch der Jüngste von uns dreien. In dem Alter hatte ich auch noch Energie.

Etwas versetzt zum Tunnelportal verkriechen wir uns in den Schatten und dezimieren unsere Wasservorräte. Schatten ist ein gutes Stichwort. Leider fällt der schon etwas weit in den Hang hinein und trifft dabei schon einige Bäume. So bleiben die Variationsmöglichkeiten beschränkt. Ich probiere es trotzdem.




Gleich zwei Maschinen hat K594/K595 Hangzhou - Urumqi an der Spitze, wobei SS7E 0067 nur leer mitläuft. Zuglok ist SS7E 0103.






Kaum durch, taucht auch schon Zug 240 von Shanghai kommend auf. Auch er hat das Ziel Urumqi und ist mit SS7E 0099 bespannt.





Obwohl es jetzt Schlag auf Schlag geht, bleibt noch Zeit den Blick ins Tal und auf den gegenüberliegenden Ort schweifen zu lassen. Auch der regelmäßig vorbei brausende, naja, wohl eher knatternde, ÖPNV in Form eines Motorrads bietet Abwechslung. Im ständigen Pendeldienst bringt er über einen Sandweg Bäuerinnen, alte Männer, Hausfrauen mit Einkauf, von der Hauptstraße unten, hoch in die Berge hinter uns. Und natürlich wieder zurück!




Blick hinüber aufs andere Ufer des Weihe. Hinter dem Ort, die hier noch genutzte alte Altbaustrecke.





Wenden wir uns wieder dem diesseitigen Ufer zu. Denn es ist Zeit für den nächsten Zug gen Westen und nicht lange dauert es, bis er sich durch Rauschen und einen Pfiff ankündigt.




Wenigstens nummerntechnisch einen Exoten hat Z216/217 von Shanghai nach Lanzhou vorgespannt. Zwar handelt es sich auch um eine SS7E, die laufende Nummer 7003 gibt aber Rätsel auf, sind doch eigentlich zwischen 2001 und 2006 nur 146 dieser formschönen Maschinen gebaut worden.





Wie man sieht wird der Schnellzugverkehr hier im Tal von Loks der Reihe SS7E dominiert. Nur gelegentlich kommen auch brandneuen HXD3D oder HXD1C zum Einsatz.

So, wir sind mit dem Reisezugblock durch, Zeit also die Position zu wechseln. Der Blick von heute Vormittag soll es sein. Denn jetzt ist die Sonne rum und steht genau richtig. Auf dem Weg dorthin wollen wir aber noch schnell unsere Getränkevorräte auffüllen mit solchen im „Aggregatszustand“ kalt. Auf dem Herweg waren wir durch eine kleine Siedlung mit Tankstelle durchgekommen, da sollte etwas gehen. Doch dort gibt’s nur Schmieröl warm. Auch die Geschäfte links und rechts daneben bieten nur Trinkereien mit dem Erfrischungsgrad eines warmen Wannenvollbades an *grmbl* Keine Chance auf Kühle!




Eine HXD1C quert mit einem Güterzug gen Westen die kleine Siedlung. Wer ganz genau hinschaut sieht unter der Brücke die Mastspitzen der alten Trasse.





Unverrichteter Dinge ziehen wir ab und fahren weiter zur Brücke. Ein kleiner Vorsprung mit Wiese und Panoramablick, was will der Eisenbahnfreund denn mehr? Gut, ein bisschen Schatten wäre nicht schlecht, denn die Sonne brennt! Und auch wenn das Haar, bzw. dessen Restbestände sitzen, Schatten ist dann auf Dauer doch angenehmer. Den gibt’s leider nur direkt am Straßenrand und so ziehen wir uns nach jedem Bild dorthin zurück. Fleißig angehupt von den PKW und LKW, die gleich nebenan aus dem Tunnel hervorkommen. Stören tun wir niemanden, genauso wenig wie unser Auto am Straßenrand, man kann ja schließlich hupen, und alles ist gut!




Verkehr gen Westen. HXD 11094 auf dem Weg durch die Berge in Richtung Lanzhou.






Aber auch in der Gegenrichtung rollt es. SS7E 0137 mit dem K420/K417 Lanzhou – Tiaizhou Jiangsu. Sie befährt die „alte Altbaustrecke“, die an den Hang geschmiegt dem Flussverlauf folgt. Die Verlauf der „alten Neubaustrecke“ ist im Bildvordergrund anhand der Masten erkennbar.






Die nächste Zugleistung in Richtung Westen ist ein leerer Militärzug. Vielleicht wurden damit auf der Hinfahrt Teilnehmer zur großen Parade in Beijing transportiert. Zuglok ist HXD1C 0442.






Blick auf die mitlaufenden Personenwagen YZ346411 und YZ345403.






Es rollt ordentlich im Tal, muss doch alles durch was nach Westen will bzw. aus dem Westen kommt. Es ist schon faszinierend was für Tonnagen in China auf der Bahn transportiert werden. Und dass trotz ständig ausgebauten Autobahnen. Auch fällt auf, dass die Traktion durchweg von modernen Baureihen erledigt wird, stellt doch die SS7E mit ihren maximal 14 Jahren bereits schon den Methusalix der eingesetzten Maschinen dar.

Und schon wieder rollt es. Diesmal wieder drüben auf der Altbaustrecke. Ausnahmsweise ist dort eine einzelne HXD1C vor einem langen Güterzug unterwegs. Normalerweise sind die Leistungen entweder von einer Doppellok oder mit einer Doppeltraktion bespannt. Der Militärzug von eben läuft ja nicht unter der Kategorie „normaler Güterzug“.




Immer dem Fluß entlang kommt HXD1C 0433 mit einem Güterzug in Richtung Osten gerollt.






Wie erwähnt sind Schnellzüge die nicht mit SS7E bespannt werden eher selten. Umso mehr freuen wir uns, als an der Spitze des Z216/217 von Shanghai nach Lanzhou eine HXD1C auftaucht. Bietet doch die Kombination aus blau-grauer Lok und orange-weißer Wagen gleich wieder ein anderes Bild. Mit ihrer Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h sind sie die HXD1C zwar nicht die schnellsten, hier im Tal reicht dieses Tempo aber locker um Schnellzüge zu befördern.




Mit dem Z216/217 ist die HXD1C 0441 unterwegs.






Ganz schön Verkehr hier! So hab ich eigentlich die Hoffnung vor dem ein oder anderen Zug mal eine „ältere“ Baureihe zu bekommen. Doch die Zhōngguó Tiělù Zǒnggōngsī gibt sich modern und schickt nur die neuesten Baureihen auf die Piste. Am stärksten vertreten, die Doppelloks der Reihe HXD 1.1 mit ihren 9.600 kW Leistung. Kleines Detail am Rande: Bei vielen Maschinen steht die Leistung außen groß angeschrieben. Hab ich so noch nicht gesehen, sieht man davon ab, dass bei einigen Bahnen früher die Baureihe von der Leistung der Lok abgeleitet wurde (z.B. DB V80, V200 u.ä.).

Warum man dies macht, würde mich schon mal interessieren. Aus Stolz? Damit der Lokführer schon von außen sieht: „Mit DER Maschine hab ich kein Problem die lange Leine über den Berg zu bringen!“? Man weiß es nicht.





Der relativ kurze Güterzug stellt HXD 11242 nun nicht wirklich vor große Probleme.






Querschuss auf HXD 11221. Während sie mit ihrem Leerzug nach Westen rollt, ist hinterhalb, auf der Altbaustrecke, SS7E 0010 mit Schnellzug T308/305 Urumqi – Fuzhou unterwegs in Richtung Xi’an.





So, nun haben wirs aber auch gesehen. Auch wenn der Blick schön ist, viel Möglichkeiten der Variation bieten sich halt nicht. Und wenn dann die Fahrzeuggestellung auch etwas zur Wiederholung neigt, ist es Zeit zu wechseln. Wir wissen auch wohin. Ein Stück weiter ist ein Tunnelportal, was uns interessiert. Nicht weil es an einer fast senkrechten Felswand ist und die Strecke von dort gleich auf eine Brücke übergeht, das kennt man ja auch von woanders, nein, es ist das Portal selbst. Es ragt etwas aus der Felswand und wenn man quer steht sieht es so aus, als würde es nach dem Zug schnappen. Irgendwie witzig, wenn …… ja wenn man es umsetzen kann. Dort angekommen stellen wir nämlich fest, dass die Sonne schon zu tief steht und sich Schatten vor dem Motiv breit gemacht haben. Blöd jetzt, aber ja nu, dann halt nicht lieber Onkel. Bleibt der Blick etwas weiter weg, mit Fluß und Bergen als Umrandung. Der Gag ist allerdings aus dieser Perspektive weg. Erstmal das Auto irgendwo wegstellen, was garnicht so einfach ist. Nur rechts ran geht nicht, denn da ist gleich ein tiefer Graben und auf der Straße stehen lassen scheint uns bei dem hier üblichen Fahrverhalten auch keine gute Option. Also ab in die Abzweigung eines Feldwegs. Dort noch heftig rangieren damit wir keinem den Weg versperren und schon zappeln Nil und ich auf der Straße herum. Hm…. Wieder ein Fall von „das sah beim Vorbeifahren irgendwie spannender aus!“. Der Blick fetzt jetzt nicht wirklich und zudem ist immer etwas im Weg was stört. Leitungen, Sträucher, Gräser,…. Und während wir noch so rumtrappeln, mal hierhin, mal dahin, jeder mit der Überzeugung den Stein der Weißen zu finden, ist David weg!?!?!?

Wie weg??? Na weg! Gerade war er aber doch noch auf dem Sandweg unterwegs? Irgendwie hatten wir gedacht er ist mal kurz für kleine Schweizer. Aber nun taucht er nichtmehr auf! Was jetzt???

Und da David dieses Gespür für die speziellen Motive hat, marschieren wir halt einfach mal hinter her. Oder besser gesagt in die grobe Richtung in die er verschwunden sein dürfte. Weil sehen, nein sehen können wir ihn nirgends mehr. Immer am Rand von diversen Gemüsebeeten geht es runter zum Fluß. Er bleibt verschwunden. Dann mal in Richtung Tunnelausgang marschiert. Und siehe da, da vorne ist er. Ein ganzes Stück weg, am Ufer, in der Hocke, Kamera im Anschlag probiert er aus wie man Fluss und Eisenbahn zusammen auf das Bild bekommt. Jaja, nett hier! Da machen wir doch glatt mit.

Und so lagern wir nun auf diversen Flusskieseln, oder besser gesagt, wir sitzen uns Kanten in den Ar… und warten auf den nächsten Zug. Und die Sonne! Denn die macht sich mittlerweile rar. Wir hatten ja schon den ganzen Tag mehr oder minder Wolken am Himmel und es ging auch meistens gut, doch nun ist da oben mehr weiß/grau als blau, und dementsprechend gehen auch die ersten beiden Fotos in die Hose. Erst beim dritten Anlauf klappt es endlich.




Mit einem Containerzug schiebt sich HXD 11133 aus dem Tunnel, hinauf auf die Brücke über den Weihe. Aufgrund des größeren Lichtraumprofils ist es auch in China möglich, Container einfach in E-Wagen zu transportieren.





Übrigens, die Farbe des Weihe kommt nicht etwa von Abwässern die darin enthalten sind, es ist vielmehr die natürliche Färbung durch den Löss. Daher hat auch der „große Bruder“, der Gelbe Fluss, sowohl Färbung, als auch den Namen. Übrigens auch das Gelbe Meer, dessen Name nicht etwas eine Anspielung auf seine Lage in Asien ist, sondern sich auch von der Färbung herleitet, die es im Mündungsbereich des Gelben Flusses annimmt.

Und für alle die jetzt nicht wissen was Löss ist, haut „Wiki“ mal diese Definition raus: Löss ist ein homogenes, ungeschichtetes, hellgelblich-graues Sediment, das vorwiegend aus Schluff besteht.

So, jetzt alle Klarheiten beseitigt? Ja? Also bei mir stellt sich nun die nächste Frage: Was zum Teufel ist Schluff???

Aber lassen wir das, widmen wir uns lieber dem weiteren Tagesgeschehen. Wir brechen nämlich wieder auf. Denn zum einen hat das Tal mit Sicherheit noch den ein oder anderen Blick zu bieten, zum anderen sollten wir uns langsam aber sicher in Richtung Tian Shui verschieben. Dort wohnt nämlich unser Bett für heute Nacht, in Gestalt eines Hotels nahe des Bahnhofs.

Nach einer kurzen Fahrt in Richtung Westen werden wir wieder fündig. Auf einer hohen Talbrücke kreuzt die alte Neubaustrecke die alte Altbaustrecke. Hier wollen wir uns aufstellen. Dazu geht es aber zuerst mal wieder, richtig, hinauf auf einen Hügel. Ein schmaler Pfad ist heute nur mehr von der alten Straße geblieben, die sich hier einst an der Bergflanke hinaufgewunden hat, um diese dann mittels eines Tunnels zu durchschneiden. Heute läuft die moderne Route gut 30 m tiefer durch den Berg. Vorbei am alten Tunneleingang geht’s mittels Trampelpfad hinauf auf den Hang. Überall sind in der Schräge winzige Flächen begradigt und mit Bäumchen bepflanzt worden. Ob zum Anbau oder zur Hangsicherung erschließt sich nicht so ganz. Wohl zu beidem.

Ich machs mir auf so einer planen Fläche gemütlich, spiele mit dem Fels und den Ameisen, während David und Nil sich etwas oberhalb aufstellen. Dann heißt es warten. Hoch steht der Mond über der Szenerie am Himmel, der Blick schweift über die Berge und hinab ins Flusstal mit seinen Feldern, einem Kübelbagger im Fluss, zum Verkehr auf der Straße und natürlich immer wieder hinüber zur Eisenbahn. Doch da tut sich bedenklich wenig! Also wenigstens auf der westwärts führenden Trasse. Gen Osten rollt es ordentlich, vornehmlich Personenzügen, denn jetzt ist der Block gen Osten dran. Und so schaue ich unstet zwischen Eisenbahn und Straße hin und her, wobei auf letzterer sich gerade eines der beliebten Lastdreiräder den Berg hoch kämpft. Kennt ihr die? Es gibt sie in zwei Varianten, einmal kleiner und leichter, und einmal größer und schwerer. Und die schweren, hier unterscheidet man wieder zwischen denen mit und denen ohne Dach über den Fahrersitzen, haben ein sensationelles Motorengeräusch. Unendlich laut und abgehackt knallen die Auspuffstöße dieser Vehikel, so, dass ich mir sicher bin, die Drehzahl wird in der Werkstatt nach Gehör eingestellt. Und genau so eines schmettert jetzt den Berg hoch mit langsamen, knallendem *Popp*Popp*Popp* das man fast meint, man könne, wie im Comic, jedes Auspuffwölkchen jeder Zündung einzeln unten raus kommen sehen. Beschallung pur, das ganze Tal hallt wieder, nur auf der Eisenbahn herrscht Stille! *uäääh*

Für diese Strecke gefährlich lange wie wir meinen. Riecht alles verdächtig nach Sperre! Doch wer weiß? Und so harren wir wider besseres Wissen weiter aus, in der Hoffnung doch gleich etwas rollen zu sehen, und in der Gewissheit, dass wenn hier nichts läuft wegen Baustelle, anderswo an der Strecke logischerweise auch nichts kommt.




“Dasch wäre ihr Preisch geweschen!“ *grmbl* Eine Kalenderstelle ohne Kalenderbild! Ist schon bitter! Wer genau hinschaut, kann aber sogar noch einen Zug erkennen. Seht ihr ihn? Naja, einfach genau hin schauen! Und? ……….. Wer erfolgreich bei der Suche ist und ihn findet, darf ihn behalten! *grins*





Langsam ziehen die Schatten ins Tal, und wir von dannen. Etwas muffelig verlassen wir den Hang, steigen ab zum Auto und machen uns davon. Es wäre zu schön gewesen. Aber mal schauen, vielleicht morgen?

Den Weg nach Tian Shui nutzen wir gleich zum Stellenguck für morgen. Fremdes Gebiet, da will so ein Fototag schon vorbereitet sein. Heftig wird gezeigt „Hey schaut mal von da oben, das wäre doch was, hier mit Blick auf dort!“, es wird diskutiert „ja aber Licht haste da auch erst ab 10.00 Uhr“ und auf den Tablets markiert und mit Bemerkungen versehen. Und so rollen wir auf Haupt- und Nebenstraßen mehr oder weniger schnell unserem Tagesziel entgegen, vorbei an Schneewittchen, das übergroß die Wand eines Kindergartens ziert, solange bis das Licht ganz weg ist und Nil den kleinen Chinesen in sich raus holt. Mit anderen Worten, wir fahren sportlich und den landestypischen Gepflogenheiten angepasst durch die hereinbrechende Nacht. Dabei kreuzen wir einmal mehr die Baustelle der Hochgeschwindigkeitstrecke, die hier am Ende der Berge aus einem Tunnel heraus bricht, auf einen dieser endlos Viadukte das Tal überquert um ganz da drüber wieder im Tunnel zu verschwinden. Zudem sehen wir auf der normalen Linie etwas, was unsere Vermutung in Sachen Streckensperre erhärtet, nämlich einen einzelfahrenden Oberleitungstriebwagen. Die sollen mal richtig ran klotzen heute Nacht, damit es morgen wieder schön rollt.

Tian Shui bzw. den Vorort in dem wir residieren werden erreichen wir in stockdunkler Nacht. Und dass ist gut so, denn die Silhouette der Stadt leuchtet uns kunterbunt entgegen. Alles ist angestrahlt und mit bunten Lampen behängt, auch die Brücke über den Weihe macht da keine Ausnahme. Hat zwar alles etwas von Disney Land, ist aber trotzdem irgendwie schön!

Nur unser Hotel, das in Bahnhofsnähe, hat keinen großen, bunten Pfeil der zeigt hier bin ich. Und so fahren wir einmal sinnlos um den Block, nur um wieder da zu landen, wo der Punkt auf der Karte anzeigt, hier müsste es sein. Jaja, da war ins Taxi setzen und vor die Tür bringen lassen schon einfacher. Aber was hilfts, selbst ist die Langnase. Also geparkt und ausgeschwärmt, immer beäugt von den Einheimischen. Es ist mächtig was los auf den Straßen. Und auch wir latschen durchs Getümmel, finden links und rechts Hotels, nur eben nicht das unsere. Irgendwann dann die erlösende Erkenntnis, unser Hotel hat noch einen zweiten Namen, nicht so unüblich in China wie es scheint, der Eingang ist auf der anderen Seite in der Fußgängerzone und hier wo wir stehen geht’s über den Hinterhof in Richtung Parkplatz. Unsere elektronische Karte hatte also doch irgendwie Recht.

Die Dame an der Rezeption ist freundlich, alles läuft problemlos und wir haben zwei Zimmer für die Nacht. Erstmal für eine, wir wollen uns den Schuppen zuerst anschauen. Die Räume sind aber sehr nett und sauber, ich bekomme das Einzelzimmer, schon wieder, langsam mache ich mir Gedanken, und nach kurzem frisch machen stehen wir unten vor unserer Herberge und gehen auf Nahrungssuche. David traut der chinesischen Küche noch nicht wieder so recht und will zu KFC, Nil ists egal, er hat einfach nur Hunger und will zu KFC, ich habe auch nur noch Hunger, will NICHT zu KFC, habe aber keine Wahl! Also ab zum Gummihuhn essen. Mir ist jetzt schon schlecht. Dass wir dann dort den Tisch neben der Abstellkammer erwischen in der der Müll zwischengelagert wird und ausgerechnet während unseres Aufenthalts selbiger auch noch Zuwachs bekommt, was den schon dort lagernden dazu veranlasst ihn freudig duftend zu begrüßen, macht den Besuch nicht wirklich netter.

Irgendwie ist man am Ende halt voll, hofft auf schnelles wirken der Verdauungssäfte und marschiert wieder gen Hotel, wo wir gleich noch für eine Nacht verlängern.

Dann geht’s ans planen. Ihr müsst immer bedenken, die Ecke in der wir jetzt sind, war ursprünglich als westlichster Endpunkt unserer Tour gedacht. Nun ist es der Startpunkt und wir haben im Vorfeld keine Informationen gesammelt, wohin man sich von hier aus wenden könnte, was sich zu fahren rentiert, was es wo überhaupt gibt. Letzteres kann zu gleichen Teilen auf Landschaft und Fahrzeuge bezogen werden. Einzig Baiyin und Dampf geistern als greifbare Größe durch die Gespräche. Von Nil zu meiner Erheiterung jetzt ins Spiel gebracht, hatte ich es doch ursprünglich nur in der Karte markiert um ihn zu foppen. Jetzt nimmt er es ernst.

So werden wir die nächsten Tage immer improvisieren, umschmeißen und anpassen, je nachdem wie sich die Situation ändern und wieviel Informationen wir in der Zwischenzeit neu sammeln konnten. Dabei dürfen wir nicht vergessen, wir müssen spätestens zu einem bestimmten Tag X in Xi’an sein. Und wenn es nach mir geht, gerne auch einen Tag früher! Nach dem „Orange DF4 Desaster“ von gestern, schreit meine Seele nach Ausgleich!

Todmüde schlurfe ich dann irgendwann in mein Zimmer und ins Bett. Soweit steht der Plan für die nächsten Tage. Morgen nochmal ins Tal und dann schauen. Entweder gibt’s einen Zusatztag oder wir machen uns übermorgen auf den Weg nach Baiyin. Ich muss zugeben, mittlerweile bin ich in Sachen Dampf schon ein bisschen angefixt!

Gute Nacht!