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Schaut mal die Zwei! Sind das nicht He Fu Bao und Bei Ho Thsai? - Teil 7

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*pengperengpeng* ALARM! Volle Deckung! *perengpengpeng* Das Stakkato explodierender Geschosse zerreißt unvermittelt die Stille in unserem Zimmer. Wir liegen unter schwerem Beschuss. Aus tiefem Schlaf fahre ich hoch, nur mit Mühe kann ich mich orientieren. *perrengperrengpengpeng* Wieder eine Serie kleiner Explosionen, genau auf Höhe unseres Fensters! „Wernär, Ek‘kehaard, die Ruussen sin da!“

Während ich geduckt zum Fenster hetze, lugt Nil nur verstört unter der Decke hervor. Ha, sieht man halt den Unterschied zwischen Gedientem und Zivilschützer! *grins* Da, die nächste Salve! *perengpengpengpereng* Unbeeindruckt wage ich einen Blick nach draußen. Die Lage aufklärend. Und schon nach kurzem habe ich die feindliche Batterie ausgemacht. Der Artillerist in mir ist erwacht.



HIER sind also die Übeltäter!



Also eines muss ich sagen, so bin ich auch noch nicht geweckt worden. Kurz steigt mir Zornesröte ins Gesicht. Hatten wir doch als Reiseleiter der von Blablabla-Tours organisierten Reise „Chinas Schienen – von der Tradition bis in die Moderne“ in unserem gewohnt kundenorientiertem Handeln ein traditionelles, chinesisches Feuerwerk bestellt, um unsere Mitreisenden landestypisch zu wecken, aber doch BITTE NICHT vor UNSEREM Fenster und dann um DIESE Uhrzeit! Frechheit! Schweinerei! Wenn man halt nicht alles selber macht!

Die Tatsache dass ich jetzt schon auf bin wäre nun eigentlich eine gute Gelegenheit, dies auch gleich zu bleiben um mich her zu richten. Doch ein Blick aus dem Fenster in den trüben Himmel und die magische Anziehungskraft der weichen Kissen und Decken hinter mir verhindern dies. Und ehe ich mich versehe, liege ich schon wieder eingemummelt in meinen Körper umschmeichelndem Stoff.

Bis es an der Türe pocht! Davor eine Herde energiegeladener Eisenbahnfotografen, die unruhig mit den Hufen scharren und sich überfallartig Einlass in unsere, bis gerade eben noch so beschauliche, Behausung erzwingen. Immer diese Kunden! Meinen, nur weil sie uns bezahlen, könnten sie auch bestimmen. Wenn man da nicht gleich zu Beginn klare Kante zeigt, hat man schon verloren. Daher verziehe ich mich, den Auflauf ignorierend, auch gleich wieder in die Federn, was selbigen ratlos werden lässt. Teils stehend, teils frivol in unseren Sesseln lümmelnd werden wir von ihren Blicken förmlich fixiert. Dann die fällt die entscheidende Frage: „Was ist der Plan?“

Tja, was ist der Plan? Nach Studium des Wetterberichts hatten wir ja das Vorhaben „Sonnenbilder“ zumindest für den heutigen Tag schon zu Grabe getragen und stattdessen „Stellenguck“ auf die Liste genommen. Zudem, und ich muss zugeben, es hatte mich mit einer gar diebischen Freude erfüllt, hatte ich noch das Wort „Dampf“ in den Ring geworfen. Nil bekam postwendend Pusteln! Doch was wollte er sagen? Hier gleich um die Ecke fuhren evtl. noch SY. Und bei dem angesagten Wetter verschwendete man mit einem Besuch nicht mal einen Sonnentag. Und wie wären ansonsten die Alternativen? 1:0 für die Dampffraktion!

Gut, einen kurzen Versuch dem Ganzen zu entgehen hatte er dann gestern noch unternommen. Nach Studium des Fahrplans hatte er gemeint, es könnte doch ganz nett sein, mit dem ersten Bummler die Strecke nach Süden abzufahren. Hey, Eisenbahn fahren in China. Mal was anderes. Nur Gubi konnte sich ansatzweise begeistern, der Rest beharrte auf Dampf. Also ergab er sich in sein Schicksal. Ein Grund mag gewesen sein, dass der Zug bereits weit „vor dem Aufstehen“ Chifeng verlassen hätte, ein Schelm wer jetzt Böses dabei denkt. So zeitig raus aus den Federn nur um Stunden im Zug durch die Landschaft zu schauckeln? Das war dann wohl doch nicht so sein Ding. Das er wohl zudem auch niemanden finden würde, der sie zu dieser Unzeit zum Bahnhof fahren würde, kam als rettende Begründung dann noch dazu. Getreu dem Motto „Ich wäre ja, aber wenn mich keiner bringt, kann ich halt auch nichts machen!“.

Bleibt also nur Dampf! So das Ergebnis der in unserem Zimmer versammelten Planungskommission. Danach geht’s an die Hauptbahn Chifeng – Beijing, schauen ob wir für morgen, wo es angeblich wieder mehr Sonne geben soll, schon mal ein paar Stellen finden. Also raus mit euch aus unserer Bude, wir treffen uns in 30 Minuten unten am Auto. Ach ja, einer sollte noch die Zimmer verlängern, denn wir wollen nochmal hier übernachten.

Dampf über Pingzhuang ist heute das Zauberwort und Pascal ist der Lotse. Denn während wir uns gestern schon längst in den Betten verkrochen und rasselnde Geräusche von uns gegeben haben, war er noch fleißig und hat eine Nachtschicht eingelegt.

Ganz gemütlich rollen wir durch den diesigen Morgen. Sind es doch nicht mal 60 km die uns von Auspuffschlägen und Zischen trennen. Vielleicht! Denn ob da noch was Schwarzes rollt, und wenn ja, ob wir es dann auch in Aktion sehen, das steht in den Sternen.





Apropos Sterne: Was dieses Schild einem sagen will, versteht man auch ohne Sprachkenntnisse! Vorteil der nonverbalen Kommunikation!






Manchmal sieht es so aus als könne die Sonne durchbrechen, dann verschwindet wieder alles im trüben Einheitsgrau. Über die Autobahn geht es durch eine Landschaft, die in weiten Teilen auch in Deutschland sein könnte. Das ändert sich aber schlagartig als wir die Agglomeration „Pingzhuang“ erreichen. Ist das wirklich nur ein Ort oder mehrere, verschmolzen zu einem großen Flicken aus Hochhäusern, breiten Boulevards, Bruchbuden, elendiglichen Hinterhöfen, abgetakelten Minen und Industriebrachen? Links von uns, kurz hinter dem Beginn der Bebauung, kommt die Staatsbahnstrecke von Chifeng her. Und siehe da, hier stehen Masten. Ohne Ausleger, ohne Fahrleitung, aber recht neu aussehend und in regelmäßigen Abständen. Soll hier elektrifiziert werden? Und wenn ja, von wo nach wo? Ist doch alles „Diesel“ in der Ecke! Zum Überlegen oder näher in Augenschein nehmen bleibt keine Zeit. Unser heutiges Führungsfahrzeug rollt unerbittlich weiter. Hin zu einem Bahnübergang, an dessen einem Ende die Strecke in einem Minengelände verschwindet. Das Tor ist offen, doch dahinter nur leere Gleise soweit man sieht. Und das ist genau das Problem! Man sieht nicht sehr weit. Ist der Zug schon durch und das Tor noch offen? Oder ist der Zug gerade unterwegs und das Tor schon mal offen? Und wenn er gerade unterwegs ist, überfahren wir ihn dann wenn wir uns verschieben?

Über all das könnte uns bestimmt der Schrankenwärter Auskunft geben, wenn er uns denn nur verstände. Aber auch wenn er uns verstände, verstände er dann auch warum wir hier sind? Könnten wir es ihm, trotz fehlender Sprachkenntnis begreiflich machen, damit er begreift, was wir von ihm wollen? Und wenn er es kapiert, würden wir kapieren was er uns dann an Informationen gibt?

Zu viele Fragen und ein zu unattraktiver Standort um hier zu bleiben. Sicherlich, der Bahnübergang mit seiner schmiedeeisernen Rollsperre, die noch dazu bunt bemalt ist, ist hübsch. Aber ansonsten ist hier nicht viel geboten. Und schon gar nichts was rollt. Also bläst Pascal zum Aufbruch und wir folgen ihm mit einem dumpfen Gefühl im Magen, dass wir gerade etwas fürchterlich falsch machen.

Rumpelnd geht es weiter durch die Stadt. Sind es keine Schlaglöcher oder schiefes Pflaster, ist es eine ausgefahrene Sandpiste die uns in Bewegung versetzt. Alles hier oder zumindest vieles um uns herum verbreitet an diesem trüben Tag Endzeitstimmung. Die Fenster unten, Augen und Ohren sind gespitzt, nur ja keinen Hinweis auf einen Zug verpassen. Und da! Ganz leise, ein Husten, ein Puffen. Schwach, aber da, und gleich auch schon wieder weg. Doch schau, hinter der Mauer die eine dieser vielen Brachen umgibt steigen kleine Wölkchen auf! Und schon gibt der Vordermann Gas und Nil hinterher. Mit Schwung geht’s durch die Löcher, Reifen mahlen auf Sand und schon kommen wir nahe der Gleise zum Stehen. Nun nur schnell die Tür auf, bevor uns die Schwarze noch vor der Nase weg fährt. Äch! Blöde Idee, ganz blöde! Wie oft sind wir schon auf Sand unterwegs gewesen, nur um jetzt nicht daran zu denken, dass man erst einen Moment wartet um die Staubwolke vorbei ziehen zu lassen, die man hinter sich her schleppt? Anscheinend noch nicht oft genug. Ergebnis: Husten und eine gefühlt 10 mm dicke Staubschicht, die sich im Wageninneren absetzt. Ach egal, sch… egal! Hauptsache wir verpassen nichts!






Deutlich zurückgegangen sind die Förder- und Transportmengen im Revier rund um Pingzhuang in den letzten Jahren. Zudem müssen die angestammten SY nun auch noch den spärlichen Verkehr mit gebraucht angeschafften Dieselloks der Reihe DF4B teilen. So ist auch an diesem Morgen, neben SY 1425, die orange DF4B 1251 im Dienst.






Im Laufschritt haben wir den Bahndamm erreicht und erklettert. Trotzdem ist uns die SY fürs Erste entwischt. Dafür gibt es erstmal ein Porträt der orangen DF4B. Und ich strahle innerlich. Denn wenn ich jetzt ehrlich bin, ist mir die mindestens genauso viel wert wie die Dampflok. Ist doch dieses Orange meine absolute Lieblingslackierung und gar nicht mehr so häufig anzutreffen. Und somit einer der Gründe, die mich hierher getrieben haben. Kaum haben wir die ersten Male abgedrückt, machen sich beide Maschinen auf in den Bahnhofskopf, dahin von wo wir gerade in aller Hektik hergelaufen sind, und stellen sich zur Parade auf.

Pascal, der agilste von uns wenn es darum geht spontane Zwischensprints einzulegen, will sich das partout nicht entgehen lassen und setzt umgehend zu einem ebensolchen an, nur um auf halbem Weg, wohl übermannt von der Größe des Augenblicks, danieder zu sinken und im Gedenken an einen mittlerweile verstorbenen kath. Kirchenführer den chinesischen Mutterboden, oder eher die hier vorrangig verwendete Mischung aus Industrie- und Kohlenstaub, gemischt mit Restvegetation, auf Geschmack zu testen. Die Belohnung für so viel vorbildlichen Einsatz: Ein „leicht angeschmutztes“, ehemals leuchtend oranges T-Shirt und eine schicke Aufnahme vom „Treffen der Traktionen“!






Während wir uns im Hintergrund mit der Beobachterrolle begnügen, hat sich Pascal für seinen Sprint mit diesen beiden Bildern belohnt!







Treffen der Traktionen






Während sich Pascal also für seine sportliche Leistung mit den beiden gezeigten Bildern belohnt, verharren wir, getreu dem Motto „Warum in die Ferne schweifen, wenn die Gute rollt so nah!“, recht unbeweglich an Ort und Stelle, in der festen Überzeugung, dass alles was fährt, irgendwann auch wieder kommen muss. Tut es dann auch, gottlob. So kommen auch wir zurückgebliebenen zu einigen netten Bildern der beiden klassischen China-Lokomotiven.













SY 1425 drückt einige Leerwagen in die Kohleverladung. Links hat sich DF4B 1251 vor eine Schlange offener Vierachser gesetzt.













Nicht mehr viel los ist im ehemals betriebsamen Werksbahnhof von Zhuangmei. Und auch DF4B 1251 wird diese trostlose Stätte gleich verlassen.







Gemächlich brummend rollt DF4B 1251 den Güterbahnhof. Einst gebaut um Schnellzüge durch das Reich der Mitte zu führen, muss sie sich jetzt ihr Gnadenbrot auf dem kleinen Netz der Kohlebahn verdienen. Was für ein Abstieg für die stolze Maschine.







Kaum zu glauben, dass die Lok zum Aufnahmezeitpunkt erst 30 Jahre alt ist. Aber wie bei Vielem in China ist auch sie augenscheinlich nicht für die Ewigkeit gebaut. Muss es vielleicht auch nicht, in einem Land, dass sich so rasant entwickelt.






Jetzt, da der, in dieses herrliche Orange getauchte Großdiesel verschwunden ist, können wir uns wieder dem weiteren Geschehen widmen. So schauen wir noch etwas SY 1425 zu, wie sie scheinbar sinnlos einige Leerwagen hin und her schiebt, um dann schließlich mit klappernden Stangen etwas durch den Bahnhofskopf zu sägen.





Immer noch der Klassiker im chinesischen Kohleverkehr, die offenen Vierachser. Hier C70E 16 92346 im Betriebsbahnhof der Pingzhuang Mining Railway.







So und jetzt Bühne frei für die Epoche Dampf!





















Bitte stillstehen für’s Porträt!






Auch ein Rücken kann entzücken, auch wenn der bei der SY nicht unbedingt schön ist. Aber immerhin mit den Abschrägungen und der großen Lampe durchaus „speziell“.







Das Lokpersonal hat während der ganzen Prozedur unserem Treiben freundlich lächelnd Desinteresse entgegengebracht. Wen wundert’s, sind wir doch mit tausendprozentiger Sicherheit nicht die einzigen Eisenbahnfotografen, die es hier her verschlagen hat. Eher ganz im Gegenteil, mögen es auch zuletzt immer weniger geworden sein. Daher ist man so ein Völkchen wie uns durchaus gewohnt und belässt es dabei bei einem netten Gruß und gut is.

Zudem hat man jetzt Pause oder gar Feierabend. So rollt das schwarze Arbeitstier auch klackernd durch die Weichenstraße in Richtung des entgegengesetzten Bahnhofskopfs. Noch kurz die Ventile auf, dann wird wenig später die Maschine geparkt und das Lokpersonal verschwunden.






Nochmal schnell durchblasen, dann geht es zurück zum Abstellplatz. SY 1425 hat ihr Vormittagspensum für heute bereits erledigt.







Ein Bild sagt als tausend Worte. Feierabend in Pingzhuang! Eingefangen von Gubi bei unserem Abschied.







Als wir der Szenerie den Rücken kehren, befällt mich Wehmut. Die Art von Wehmut, die man empfindet, wenn man einen guten Freund zur Bahn gebracht hat. Gerade war da noch diese Vertrautheit, das gemeinsame Lachen, die Selbstverständlichkeit mit der er einen ein Stück des Lebens mit begleitet hat. Und jetzt, da die Schlusslichter langsam im Dunst verblassen, nur mehr Leere und darin aufgehoben, Erinnerung.

Wie oft schon habe ich Abschied nehmen müssen, von den kleinen Dingen die mein Leben begleitet haben, aber auch von großen. Und jeder Abschied hat mich meinem eigenen Abschied etwas näher gebracht. Ob sich meine eifrig schwatzenden Begleiter auch manchmal solche Gedanken machen? Wohl kaum. Mit 20 Jahren weniger auf der Lebensuhr tritt so etwas eher nicht ins Bewusstsein.

Keine 20 Minuten hat das Spektakel gedauert und wir waren minutengenau zur richtigen Zeit am richtigen Ort! Was sind wir doch für Glückspilze! Oder wie es vielleicht weniger wohl meinende Zeitgenossen formulieren würden: „Der Ertrag eines Agrarökonomens an knollenartigen Feldfrüchten steht in umgekehrt proportionalem Verhältnis zur Höhe seines Intelligenzquotienten!“. Oder mit einfachen Worten: „Die dümmsten Bauern haben die größten Kartoffeln!“.

Jaaaa, das lass ich in diesem Fall sogar mal gelten. Schließlich sind wir völlig ohne Plan an einen der mittlerweile raren Orte der Welt gefahren, an denen, wenn auch hier speziell recht wenig, noch Plandampf herrscht. Und Planbetrieb, egal wie bescheiden, ist durch keine Sonderfahrt der Welt zu ersetzen! Wenigstens soweit es mich betrifft.

Mittlerweile hab auch ich mich längst wieder aus meiner Gedankenschwere gelöst und bin in die lebhafte Unterhaltung mit eingestiegen, die, bei den Autos angekommen, darin gipfelt, dass wir uns überlegen, was wir jetzt machen. Es ist noch nicht ganz zwölf und wir haben noch einen guten halben Tag. Erstmal den Rest der Strecke und den Übergabebahnhof anschauen. Schließlich soll es hier ja auch noch eine grüne DF4B geben. Und wer weiß, vielleicht steht ja die genau dort im letztgenannten? Und wenn nicht, kann ja auch die Staatsbahn für Betrieb sorgen, bei der Abfuhr oder Anlieferung von Leer- bzw. Vollzügen.

Pascal übernimmt wieder die Führung und lotst uns durch die Stadt.

Der Weg, immer mit Abstand parallel zur Bahn, erfüllt so alle Klischees, die man von einer ersterbenden Kohlestadt hat. Industriebrachen, graue Häuser, Straßen die sich in Auflösung befinden, Sandpisten die durch und durch nur aus Kuhlen bestehen, geflutet von schmutzig schwarzem Wasser, gefärbt durch den allgegenwärtigen Kohlenstaub.





Selbst mit unseren hochbeinigen Fahrzeugen magst du da nur zögerlich rein fahren, weiß man doch nie, was in so einer trüben Pfütze alles wohnt. Und auf hier Reifen wechseln, weil plötzlich mit Metalleinlage, hat nun wirklich keiner Lust.














Auch die große Werkstätte der Kohlebahn liegt wie verlassen da. Keine Bewegung lässt sich hinter ihren Toren erkennen. Ihre schiere Größe lässt aber erahnen, welche Bedeutung und welche Dimension die Bahn hier wohl mal gehabt haben muss. Aus und vorbei! Etwas Leben muss aber hinter den hohen Mauern und in den mächtigen Hallen noch herrschen, ist doch das Zufahrtsgleis noch blank.






Zufahrt zu Hauptwerkstätte der Kohlebahn






Halt, um jetzt keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen, dieses Pingzhuang ist durchaus ein nettes, aufgeräumtes chinesisches „Städtchen“ mit landestypisch hübschen Straßen und Plätzen und man würde ihm unrecht tun, würde man es zur halben Geisterstadt erklären. Es ist halt immer eine Frage, in welcher Ecke man sich gerade bewegt. Und so rollen auch wir bald wieder auf neu betonierten Wegen, vorbei an klassischen, chinesischen Motiven.













Draußen, rund um den Übergabebahnhof zur Staatsbahn gäb’s schon das ein oder andere nette Motiv, allein, es gibt aktuell nichts was durch selbige rollen könnte. Alles leer. Nur ein Baufahrzeug belebt die Szenerie. Und auch der Bahnübergang hinterhalb, mit seiner Schranke und dem Wärterhäuschen, an dem wir zwecks Kriegsrat die Autos abstellen und uns sammeln, böte einen netten Rahmen. Leider fehlt aber meinen Mitreisenden die Geduld. Oder sie wollen nur nicht sinnlos warten und den Tag nutzen. Das ist jetzt Auslegungssache. Jedenfalls fällt, nachdem Nil den Fahrplan befragt hat nur um festzustellen, dass wir den einzigen anstehenden Personenzug knapp verpasst haben, die Entscheidung, dass wir zwecks Streckenguck an die Hauptbahn nach Beijing wechseln. Ist mit Sicherheit in Vorbereitung auf den morgigen Tag, der wettertechnisch besser werden soll, die vernünftige Wahl. Ist sie aber auch die richtige? Die Alternative gemütlich hier zu bleiben und auf Güterverkehr zu hoffen würde mir nämlich trotzdem mehr gefallen.

Hinten rum geht’s zurück. Wir haben keine Lust nochmal durch die Stadt zu gondeln. Also geht der Weg durch die hügelige Ackerlandschaft und einige Dörfer zur Straße die grob von Chifeng aus in Richtung Osten führt. Irgendwie kommt einen die Gegend bekannt vor, könnte die Landschaft doch genauso gut mitten in Niederbayern liegen.

Chifeng selbst wird mittels Autobahnring umrundet. Gut das wir für die Navigation unsere elektronischen Helferlein haben. Im Gewirr der Autobahn Auf- und Abfahrten, der Kreuze, Dreiecke und Schleifen mit ihren mongolisch/chinesischen Beschilderungen könnte man ansonsten leicht für immer verloren gehen. Dann der Wechsel auf die Landstraße entlang der Hauptbahn. Ernüchterung!





Nicht viel zu sehen von der Eisenbahn. Dafür kann man LKW aus heimischer Produktion bewundern.







*hm* Wohl eher nicht als Rastplatz gedacht, oder? Aber was stört es den gemeinen chinesischen LKW-Fahrer! Oder ist das vielleicht ein ganz neues, innovatives Verkehrskonzept und der Lastwagen wird gleich abgeschossen, hoch in die Luft?







Wie wär’s mit einer kleinen Melone für zwischendurch?







So kann man auch Raser bekämpfen!







Die Karten zeigen zwar vieles, aber eben nicht alles. Die Bahn läuft zwar im Abstand parallel, aber eben auch hinter Büschen, Bäumen und Bebauung. Oder, wenn denn mal frei, weit abseits hinter großen Feldern. Alles nicht so optimal. Aber es ist ja weiter hinten, da wo es noch ländlicher wird wenn man sich aus dem Dunstkreis von Chifeng erstmal befreit hat, noch genug Strecke übrig. Da lässt sich bestimmt etwas finden. Erstmal Proviant kaufen.













Während seine Frau im Geschäft bedient, ist der Ladenbesitzer wohl für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig *grins* Hier grüßt er mit breitem Lächeln zum Abschied die exotische Kundschaft! Da hat man doch heute Abend beim Tee gleich was zu erzählen.







Ein paar Häuser weiter, vertraut man eher auf die Wirkung großflächiger Werbebeschilderung.







Wer sich fragt, was hier, mitten zwischen Gerümpel, unter freiem Himmel hergestellt wird? Mittels Kantbank produzieren fleißige Hände Trapezbleche.







Und wenn wir schon bei der Bauwirtschaft sind: Während das Equipment für Erdarbeiten noch recht archaisch wirkt, …….







……sehen die Kunststofffenster doch schon recht modern aus.






Und auch der Schulbus, inspiriert von amerikanischen Vorbildern, sieht recht neu aus.







Langsam beginnt es harzig zu werden. Träge schleicht sich Müdigkeit unter die Augenlider, der Himmel dunkelt zusehens ab, taucht das grau-grüne Land um uns herum in ein trübes Zwielicht und vernebelt wohl auch unserem humanoiden Navi im heutigen Führungsfahrzeug immer mehr die Sinne. Wieder und wieder verenden wir in „Sackgassen“ und kaum haben wir den Blinker gesetzt und sind abgebogen, erglühen am Wagen vor uns schon wieder die Rücklichter. Bremsen, zweifelndes Verharren, dann Rückfahrscheinwerfer, gefolgt von unschlüssigem Rangieren und Manövrieren. Dass zudem irgendwie in jedem Ort mindestens eine wichtige Straße großflächig aufgerissen ist, macht die Sache nun auch nicht flüssiger.

„Weiter hinten“ wird’s auch nicht besser. Zwar hat hier der regionale, für den Verkehr zuständige Kader namens Um Lei Tung nicht beschlossen alles was mal einen Teerbelag hatte aufzureißen und zu Staub zu zermahlen, doch bestehen die meisten Ortsdurchfahrten schon von Haus aus, aus diesem letztgenannten Baustoff. Selbstredend durchsetzt von einer ausreichenden Zahl von Schlaglöcher, oder heißt das hier eher Schlagkrater. Und so wird man lustig in den Schlaf geschauckelt, während man einem Sattelzug mit Tankauflieger oder einem hoch aufgeladenen, schweren Gemüse LKW folgt. Ach ja, den Schlafesand bringt hier auch nicht das bei uns allseits beliebte Sandmännchen, sondern der Zwillingsreifen des Vordermanns.

Und hat man doch mal festen Belag unter den Pneus, dann sind es schmale Betonpisten die alle paar 100 m von tiefen Betonrinnen durchzogen werden, die zur Ableitung von Sturzbächen in der Regenzeit dienen. Oder ganz regulär Bäche beheimaten. Ein ewiges auf und ab! Da ist uns so eine klassische Wasserdurchfahrt doch bedeutend lieber und bringt zwischenzeitlich mal Spaß.





Ab zu den Fröschen und hallo sagen! Oder versucht sich Gubi an einer Unterbodenwäsche?





Ich hab ehrlich gesagt die Schnauze voll und würde am liebsten umkehren. Nur, da wo wir jetzt sind ist es egal ob wir unser Programm weiter abspulen oder den Rückzug antreten. Es gibt nur die Wahl zwischen Pest und Cholera, denn schnelle Erlösung bringt keine der beiden Strecken.

Also erfüllen wir weiter unsere Pflicht und füllen das Tablet brav mit Markierungen und Bemerkungen für den morgigen, hoffentlich grandiosen Tag, wenn die Sonne wieder strahlend vom Firmament leuchtet und die Welt anders aussieht. Heute ist sie aber weiterhin grau, dunkel, schwül und ätzend!






Experten unter sich! Geht da nicht noch eine Lage?







Aber sicher! Und dazu braucht’s noch nicht mal alle Reifen auf den Felgen!







Und überhaupt! Ladungssicherung wird doch fällig überbewertet! Etwas Stahlseil unten hin getüddelt und schon hält das Haus!







Damit man das jetzt nicht falsch versteht. Mich fasziniert dieses China. Ja, ich kann sogar so weit gehen, dass ich sage, ich habe mich sogar ein bisschen in dieses Land verliebt. Aber es gibt Ecken, da möchte ich nicht tot über dem Zaun hängen. Wobei das hier zumindest geruchsmäßig keine Auswirkungen hätte. Denn hier wird Kohl angebaut. Unmengen von Kohl. Und auch Kohl habe ich ganz gerne, nur nicht wenn er fault. Und das tut er hier! Und zwar in rauhen Mengen.





Na immerhin, der Proviant geht denen nicht aus. Und schlecht gefahren ist immer noch besser wie gut gelaufen, oder?






Das Prinzip ist nämlich ganz einfach. Im kompletten Tal, gut ein bis zwei Kilometer breit, reiht sich ein Kohlfeld an das andere. Kein Wunder, isst doch der Chinese an sich auch gerne dieses Kreuzblütler Gewächs. Und dieser Kohl wird nun auf besagten Feldern in unvorstellbaren Mengen geerntet, auf Traktorgespanne oder kleine LKW verladen und zur einzigen „Hauptstraße“ transportiert, die längst durch diese Senke läuft. Bevor er dort mittels mächtiger Laster abgefahren wird, wird er noch Kopf für Kopf geputzt. Sprich, Horden von Arbeitern und Arbeiterinnen trennen die äußeren Blätter ab, werfen die so gesäuberten Kohlköpfe auf besagte LKW und lassen die abgetrennten Blätter auf den Boden fallen. Dort liegen sie dann, aufgeschichtet in hohen Mauern links und rechts der Straße, faulen und stinken abartig vor sich hin. Keine Chance nur noch einen Hauch frischer Luft in die Lungen saugen zu können. Die ganze Gegend riecht nur noch nach Biotonne, tief unten links!






Vom Acker auf den Anhänger und von da direkt auf den LKW.







Bevor es aber ab in den großen geht, werden erstmal die äußeren Blätter abgetrennt und in der Landschaft verteilt, wo sie dann in Ruhe vor sich hin gammeln können und damit für ein außergewöhnliches Dufterlebnis zu sorgen.







Eingekeilt in die zäh dahin kriechen Schlange, in der wir auch schon gestern gesteckt sind, schieben wir uns im Schritttempo durch dieses Waterloo für Geschmacksknospen und ich fürchte im Innersten meines Herzens, dass ich nach diesem Trip an einem unheilbaren PTKS leiden werde, einem PostTraumatischemKohlSyndrom! Wie soll ich nur je wieder vorbehaltlos auf einen Teller Bratwürscht mit Sauerkraut schauen können, ohne diese Bilder, besser gesagt, diese schier plastisch in meinen Gehirnzellen eingebrannten Geruchswelten in der Nase zu haben. Ich muss hier raus!

Rettung verheißt das Tablet. Dort auf der Karte zeigt sich eine Abzweigung, die uns einerseits aus diesem Alptraum aus Faulgasen und Kolonnenverkehr durch staubige, vermüllte Ortschaften befreit, und andererseits einiges an Kilometer spart. Bei einem kurzfristig unter dem Wiederlager einer Eisenbahnbrücke angesetzten Auto-an-Auto Meeting lassen sich auch die Mitreisenden für diese Idee begeistern, und so entfliehen wir gleich darauf dem Gewühle und dem Gestank gleichermaßen!






Unscharf, verwackelt, aber halt soooo typisch! Und wie soll man auch, durch Schlaglöcher hoppelnd und durch eine verdreckte Scheibe, gute Bilder schießen können?







Feinstaub? Ha!







Typisch China 1: Egal wie staubig und vermüllt die Umwelt ist, kein Grund für die chinesische Frau sich nicht elegant zu kleiden.







Typisch China 2: Staub, Dreck, Müll! Und mitten drin und mitten auf der Straße der Gemüsestand! Lecker!







Über eine schmale Straße geht’s flott durch idyllische Dörfer und auch die vorbeiziehende Landschaft lässt sich nun wieder bei offenem Fenster bewundern. Bis Gubi plötzlich stoppt. Hey, Pipa denke ich, wie passend, doch der Halt hat einen anderen Grund. Fahrer Wagen 2 wirft das Handtuch! Das Gegondel war zu viel. Müde und zerknautsch klettert er vom Fahrersitz. Keinen Meter weiter. Keine Lust, keinen Elan und überhaupt. Herr Kaune, bitte übernehmen sie.

Mich plagen derweil andere Sorgen. Sah der Weg zuerst noch wie DER Königsweg aus, um Zeit und Kilometer zu sparen, hat eine Vergrößerung der elektronischen Karte mir jetzt gezeigt, dass zwischen unserer Straße und der Autobahnauffahrt gar keine Verbindung eingezeichnet ist. Ach Du Sch….! Sollte das wirklich zutreffen, sind wir gut 40 km völlig umsonst gekurvt, müssen das ganze Stück wieder zurück und trotzdem die übervolle Route entlang zockeln. Die Stimmung die dann herrscht kann ich mir lebhaft vorstellen. Knapp an der Lynchjustiz vorbei würde ich mal schätzen. Mein Ende finden in direkter Nachbarschaft zum vor sich hin moderndem Kohl wäre dann nicht ausgeschlossen.

Also erstmal dicht halten, gute Miene zum bösen Spiel machen, dabei auf ein Happy End hoffen und dabei schon mal heimlich nach Höhlen Ausschau halten, in denen ich mich vor dem aufgebrachten Mopp verstecken und in denen ich die nächsten Monate leben könnte, bis Gras über die Sache gewachsen ist.

Aber wie man unschwer aus der Tatsache schließen kann, dass ich diese Zeilen schreibe, alles wird gut. Die Verkehrsplaner haben an die Verbindung gedacht und wir rollen zügig auf der Autobahn. Sehr zügig streckenweise. Neufahrer Wagen 2 gibt ordentlich Stoff. Gut soll er, denn so sind wir schneller wieder in Chifeng und wenn sie ihn blitzen, ist es sein Problem. Wie man sich nur irren kann…… aber dazu mehr später, viel später!

Ehrlich, bin ich froh, dass wir endlich im Aufzug stehen. Ohne Probleme sind wir gut durchgekommen. Jetzt noch schnell die Rucksäcke ins Zimmer und dann ab ins Hotel Restaurant. Heute wollen wir nämlich dort das Buffet stürmen. Dort gibt es, neben vielem anderen, Hot Pot! Lecker! So pendeln wir die nächsten anderthalb Stunden zwischen persönlichem Topf und Tresen, unterbrochen höchsten von gelegentlichen Gängen zu den an der Wand stehenden Kühlschränken, die neben diverser Süßgetränke auch einige Sorten erfrischenstem Gerstensafts enthalten. Selbstbedienung. Praktisch.

Dann geht’s ins Bett. Geschlaucht von diesem Tag, der mit einem Knalleffekt begann, sich grandios steigerte, nur um sich dann in eine mehr und mehr zähe, dröge, nervige Angelegenheit zu verwandeln.

Morgen soll’s früh raus gehen. Nochmal in das Tal. Na bravo, das kann was werden! Also dann gute Nacht! Ach ja, der Wetterbericht will von Sonne auch nichts mehr wissen *Augen verdreh* Wie ich mich freue…..