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Tänze, Trams und Traditionen – Eine Reise durchs Appenzellerland

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Das Appenzellerland, sprich seine beiden Halbkantone Inner- und Ausserrhoden, gilt als eine der urtümlichsten Regionen der Schweiz. Eingebettet in sanfte Hügel scheint die Zeit oft etwas stehengeblieben, so dass man hier das Idyll vergangener Zeiten wahrnehmen kann. Es gibt aber auch moderne Sachen im Appenzellerland. So haben die Appenzeller Bahnen ihr Schmalspurnetz in den letzten Jahren sukzessive modernisiert. «Leider», ist man als Eisenbahnfan versucht zu sagen.

Trotz nunmehr moderner Fahrzeuge, wollten Huerz und ich dieses Appenzellerland an Auffahrt einmal erkunden. Wir starteten in Urnäsch an einer uns bekannten Stelle an der Ortsausfahrt. Wenig überraschend kam planmässig ein neuer ABe 4/12. Die AB besitzen fünf dieser Triebzüge des Typs «Walzer». Wie man auf den ersten Blick sieht, sind sie sehr stark mit den Fahrzeugen des Typs SURF verwandt, die man auf diversen Schmalspurbahnen in der Westschweiz trifft.
ABe 4/12 1003 der AB zwischen Urnäsch und Jakobsbad


Die fünf Fahrzeuge wickeln im Regelfall den gesamten Fahrplan auf der Säntisbahn (Gossau – Wasserauen) ab, so dass es wenig Sinn machte nach einem gelungenen Bild an einer Stelle zu verweilen. Weiter ging es deshalb in den inneren Kantonsteil nach Gonten. Hier erlegten wir das nächste Zugpaar.
ABe 4/12 1005 der AB zwischen Gonten und Jakobsbad


ABe 4/12 1004 der AB zwischen Gonten und Jakobsbad


Wer sich im Appenzellerland etwas auskennt hat sicher bemerkt, dass man am linken Bildrand den Kronberg erkennt. Dieser wird mit einer Seilnbahn erschlossen, die bei der Station Jakobsbad startet und auf dem Bild ebenfalls zu erkennen ist. Da die Bergbahnen in der Schweiz wegen Corona jedoch noch nicht fahren, konnte uns dies indes wenig begeistern. Nach weiterer Stellensuche entschlossen wir uns deshalb weiter in Richtung Appenzell und Wasserauen zu fahren. Hinter dem Kantonshauptort stellten wir uns beim Restaurant Schäfli für ein weiteres Bild auf.
ABe 4/12 1001 der AB zwischen Appenzell und Steinegg


Das Schäfli steht exemplarisch für den traditionellen Appenzeller Baustil, den man in den beiden Halbkantonen noch immer finden kann. Er ist einer der Eckpfeiler, der dieser Region ihre Identität gibt. Daneben bewahren sich die Einheimischen aber auch viele Traditionen. Nach solchen Traditionen sind auch die Walzerzüge benannt. An dieser Stelle handelte es sich um ABe 4/12 1001 Silvesterchlaus. Die Silversterchläuse sieht man eigentlich nur am neuen (gregorianischen) und alten (julianischen) Silvester, also am 31. Dezember und am 13. Januar. Die verkleideten Chläuse ziehen dann schellend und zauernd (eine spezielle Form des Jodelns) durch die Gassen des äusseren Kantonsteils. In der Tradition der Silvesterchläuse gibt es schöni (das sind die mit den kunstvollen Bildern auf den Masken) schö-wüesti und wüesti Chläuse. Ob der Chlaus in Form eines Walzers nun zu den schönen oder wüsten Chläusen gehört, überlasse ich an dieser Stelle dem Auge des Betrachters.

Kommen wir aber zurück zur Reise durchs Appenzellerland. Ein paar Kilometer weiter erreichten wir die nächste Stelle, wo wir zwei Mal den Abe 4/12 1005 «Alpstobete» erlegten. Als Stobete (auch Stubete genannt) bezeichnet man übrigens eine Ländlermusikveranstaltung, bei der sich verschiedene Musikanten treffen um miteinander (teils in ad-hoc Formationen) zu musizieren. Was andern Orts oft verschrien ist, ist hier Programm: Eine Stubete ist eine JeKaMi-Veranstaltung.

ABe 4/12 1005 der AB zwischen Weissbad und Steinegg


ABe 4/12 1005 der AB zwischen Weissbad und Steinegg


Während sich der eine oder andere nun vielleicht wehmütig daran erinnert, dass es auf dieser Bahn schon mal mehr Abwechslung bei den Triebfahrzeugen gab, so wird der ortskundige Betrachter sicher festgestellt haben, dass man auf dem zweiten Bild den berühmtesten Appenzeller, den Säntis erkennen kann. Kommt in Richtung Wasserauen immer mehr das Alpsteinmassiv ins Blickfeld, sind es in Richtung Appenzell vor allem die saftigen Hügel der Voralpinen Appenzeller Landschaft, die das Bild prägen. Dies zeigt auch das nächste Bild, das nur einige hundert Meter vom letzten entfernt entstand.
ABe 4/12 1003 der AB zwischen Weissbad und Steinegg


Wie der aufmerksame Betrachter sicher schon festgestellt hat, fehlt dem gezeigten ABe 4/12 1003 der Name. Laut diversen Quellen des Internets soll dieser Zug einst den Namen «Alpfahrt» tragen. Bekommen hat er ihn aber offenbar noch nicht.

Ebenfalls keine Alpfahrt gab es derweil für uns Fotografen, viel mehr fuhren wir weiter in Richtung Wasserauen. Kurz vor der Entstation der Bahn mussten wir feststellen, dass derart viele Leute zum Wandern an den Fuss von Ebenalp und Säntis wollten, dass sich die Autos bis weit aus dem Ort stauten. Wir entschieden uns daher das Auto hinter Schwende stehen zu lassen und erst einmal hier zu fotografieren. Es folgte Walzer Nummer vier, der «Betruef». Beim Betruf oder Alpsegen handelt es sich um eine Tradition, bei welcher der Senn durch einen hölzernen Milchtrichter mittels Sprechgesangs um Schutz für sich und seine Tiere bittet.
ABe 4/12 1004 der AB zwischen Wasserauen und Schwende


Nachdem wir einige Meter gelaufen waren, ergab sich derweil noch ein Panoramablick auf den Ort Schwende, welcher gerade vom Silversterchlaus hinter sich gelassen wurde.
ABe 4/12 1001 der AB zwischen Wasserauen und Schwende


Nach diesem Bild hingen uns die Plastiktrams des Typs Walzer etwas zum Halse heraus. Bevor sich nun jemand irritierfühlt ob meiner Wortwahl, sei hier das Wort «Plastiktram» noch etwas erörtert. Zugegebenermassen handelt es sich hierbei um einen negativ behafteten Sammelbegriff für Regio-Fahrzeuge der Firma Stadler. Der Begriff bringt dabei den Frust des Eisenbahnfans zum Ausdruck, dass die schönen alten Fahrzeuge durch einen Einheitsbrei an neuen Triebzügen ersetzt wurden. Es ist mir durchaus bewusst, dass diese Fahrzeuge grösstenteils aus Alu und nicht aus Plastik bestehen. Auch handelt es sich um Vollbahn-Fahrzeuge und nicht um Strassenbahnen.

Anders sieht dies auf der Linie Trogen – Speicher – St. Gallen – Gais – Appenzell aus. Diese entstand 2018 aus dem zusammenlegen der Linien Trogen – St. Gallen und St. Gallen – Appenzell. Damit diese Durchmesserlinie entstehen konnte, wurde ab 2015 der Ruckhaldentunnel gebaut, der die Zahnradstrecke in eben dieser Ruckhalde in St. Gallen ersetzte. Im nun zahnradfreien Abschnitt zwischen Trogen und Appenzell verkehren seit 2018 Züge des Typs ABe 8/12, welche im Wesentlichen dem Strassenbahntyp «Tango» entsprechen und ebenfalls von der Firma Stadler hergestellt werden. Anders als bei den normalen Strassenbahnen, welche beispielsweise in Basel, Genf, Lyon oder Stuttgart verkehren, haben die Züge der Appenzeller Bahn eine etwas komfortablere Innenausstattung. Ausserdem handelt es sich hierbei um zwei trennbare Halbzüge.

Auf unserer Reise durchs Appenzellerland tanzten wir den ersten Tango im Hauptort direkt neben der Appenzeller Brennerei an der bekannten Brücke über die Sitter.
Be 4/6 4006 der AB zwischen Appenzell und Hirschberg Station


Weiter ging es danach in Richtung Sammelplatz, wo noch einmal ein solches Tram erlegt wurde.
Be 4/6 4005 der AB zwischen Sammelplatz und Hirschberg


Alles in allem war dies jedoch nur ein kleiner Zwischenstopp auf Weg zur Bahn von Gais nach Altstätten. Die dritte Bahn des Appenzeller Schmalspurnetzes ist nach dem Bau des Ruckhaldentunnels die letzte mit einer Zahnstange. Auf Grund eines tiefen Deckungsgrades ist die Bahn hinunter ins St. Galler Rheintal leider akut einstellungsgefährdet. Dies obwohl die Bahn auf dem 160 ‰ steilen Zahnradabschnitt zwischen Stoss und Altstätten Stadt einige spektakuläre Ausblicke ins Rheintal bietet. Während der Zug bei Fahrradfahrer vor allem wegen der Bergfahrten beliebt ist, haben normale Bahnreisende das Problem, dass die Bahn keinen Anschluss an die SBB in Altstätten hat. Dies weil der ehemalige Strassenbahn Abschnitt zwischen Altstätten Stadt und Altstätten SBB im Jahre 1975 stillgelegt und zurück gebaut wurde. Dank der ungewissen Situation ist die Bahn dann auch von grösseren Modernisierungen verschont geblieben. So verkehren hier noch immer die BDeh 4/4 16/17 mit Baujahr 1993. Dies im Verbund mit einem Steuerwagen des Typs ABt. Auf der Talseite hängen je nach Bedarf auch noch ein offener Aussichtswagen und ein Velowagen. Der offene Aussichtswagen war bei unserem Besuch in Gais abgestellt. Dieser Umstand kommt wahrscheinlich daher, dass die Bahnen bis 8. Juni wegen Corona keine Ausflugszüge anbieten dürfen.

Wie bereits beschrieben befindet sich der spektakuläre Abschnitt der Bahn zwischen Stoss und Altstätten Stadt. Wir stellten uns deshalb unter der Station Kreuzstrasse auf, wo der Zug aus Altstätten erlegt wurde. Beim talwärts fahrenden Zug entschieden wir uns für einen Querschuss.
ABt 117 der AB zwischen Warmesberg und Kreuzstrasse


ABt 117 der AB zwischen Warmesberg und Kreuzstrasse


Anschliessend ging es nach Altstätten, wo der Zug etwas oberhalb der Stadt aufgenommen wurde.
ABt 117 der AB zwischen Altstätten Stadt und Alter Zoll


Fürs letzte Bild ging es dann nochmals hoch zur Kreuzstrasse.
ABt 117 der AB zwischen Warmesberg und Kreuzstrasse


Zufrieden mit den Bildern von der Strecken Altsätten – Gais, verschoben wir uns noch einmal nach Appenzell um uns hier noch einmal der Säntisbahn zu widmen. Unmittelbar hinter dem Ort entstanden zwei weitere Walzer Bilder.
ABe 4/12 1005 der AB zwischen Appenzell und Gontenbad


ABe 4/12 1003 der AB zwischen Appenzell und Gontenbad


Seht gut zu sehen sind auf diesen Bildern die Berge, die Appenzell umgeben. Sehr markant ist dabei der Fänerenspitz, der sich als Kegel in die Landschaft stellt. Links davon sehen wir auf dem ersten Bild den Hirschberg. Rechts davon sind auf dem unteren Bild der Kamor und der Hohe Kasten zu erkennen.

Auf dem Weg zurück stoppten wir noch einmal in Gonten, wo der Silversterchlaus gerade vor dem Panorama von Kronberg (vorne) und Säntis (hinten) vorbeifuhr.
ABe 4/12 1001 der AB zwischen Gonten und Jakobsbad


Bei Zürchersmühle konnte der Säntis derweil noch ein bisschen besser ins Licht gerückt werden.
ABe 4/12 1004 der AB zwischen Waldstatt und Zürchersmühle


An dieser Stelle, kam nun die Frage auf, was man mit dem angebrochenen Nachmittag noch anfangen soll. Wir entschieden uns dabei für eine Fahrt über die Schwägalp nach Nesslau, wo zum Abschluss noch ein GTW festgehalten werden soll. Just auf der Schwägalp musste wir allerdings feststellen, dass im Toggenburg eine riesengrosse Wolke hing und das mit dem Bild wohl nicht mehr klappen würde. Auf wundersame Weise gewann die Sonne dann aber doch noch den Kampf gegen die Wolke, so dass auch diese Stelle in gutem Abendlicht klappte.
RABe 526 761 der THURBO zwischen Nesslau-Neu Sankt Johann und Krummenau